Muss ich das wissen? – Eine Geschichtsstunde

“Unterhaltsames” über den Vietnamkrieg

 

„Nothing´s gonna change my world” lautet der Refrain des bekannten Beatles Song “Across the Universe”. Ich hatte den Schülern einer 10. Klasse die Cover-Version von Fiona Apple gezeigt und anschließend gefragt, ob sie Metaphern erkennen können. Erklärend sei hier angemerkt, dass ich mir zu Beginn meiner Arbeit als Vertretungslehrer vorgenommen hatte, neben der Stoffvermittlung Kindern die Weisen des Denkens näher zu bringen. Was das ist und wie das geht, darüber hatte ich schon in einem früheren Artikel geschrieben. Das Erkennen und Lesen von Metaphern gehört ebenfalls dazu. Die Schüler waren in der Lage, in diesem Clip Metaphern zu lesen. Die entscheidende blieb ihnen jedoch verborgen, die der Selbstbezüglichkeit. Durch gezieltes Fragenstellen moderierte ich sie dorthin, und sie sprangen an. Ob sie etwas über sich gelernt haben, weiß ich nicht. Ich habe etwas gelernt.  – Wir brauchen eine zweite Aufklärung! – Jetzt sind Sie sicherlich neugierig auf den Clip. Aber bevor Sie ihn anschauen, rate ich weiterzulesen, um zuerst die ganze Geschichte kennenzulernen.

Zu Beginn des Unterrichts hatte ich die Klasse gefragt, zu welchem Zweck wir Geschichte lernen. Um meine Frage zu verdeutlichen, hatte ich sie präzisiert. Welche Ereignisse und Entwicklungen des 19. Jahrhunderts wirken bis in die heutige Zeit? – Die Antworten spiegelten den gelernten und diskutierten Unterrichtsstoff der vergangenen Monate wieder. Die industrielle Revolution, die Erfindung des Autos, die französische Revolution, Demokratie, Kapitalismus und noch einige mehr. Mein Thema schob ich am Ende nach. Kolonialismus. Meine Absicht war, ihnen den Vietnamkrieg vorzustellen. Um sie für den ersten Fakteninput durch eine PowerPoint Präsentation bei der Stange zu halten, kündigte ich für die zweite Stunde an (es gibt nur Doppelstunden an der Schule), die Betroffenheit der Amerikanischen Gesellschaft während des Vietnamkrieges über Musik-Clips mit Beatles Songs aus dem Film „Across the Universe“ (2007) deutlich zu machen. Das kam an. Mit Unterstützung von Karten und Bildern erzählte ich ihnen die Geschichte Vietnams seit der gewaltsamen Übernahme des Landes durch Frankreich im Jahr 1858.

Bis 1945 wurden Vietnam und die Nachbarländer Kambodscha und Laos von den Franzosen ausgeraubt und deren Bevölkerungen brutal unterdrückt. Erst nach einem blutigen Befreiungskrieg (1. Indochinakrieg) gelang es der vietnamesischen Befreiungsorganisation Viet Minh, die Franzosen aus dem Land zu treiben. In der Schlacht von Dien bien Phu (1954) fügten sie ihnen die letzte, vernichtende Niederlage zu.  – 10 Jahre später begann der 2. Indochinakrieg (Vietnamkrieg). Dieses Mal waren die USA der Aggressor. Er endete 1973 mit dem Abzug der Amerikaner. Sie hatten 8 000 000 Tonnen Bomben auf das Land geworfen, viermal so viel, wie im gesamten 2. Weltkrieg. Über 4 000 000 Menschen waren umgekommen, davon waren 2 000 000 vietnamesische Zivilisten und 58 000 Amerikaner. Verloren wurde der Krieg jedoch zu Hause. Die Medien brachten den Krieg Abend für Abend in die Wohnzimmer der amerikanischen Bevölkerung. Der Anblick von NAPALM verbrannten Kindern und toten und verwundeten eigenen Soldaten führten in den USA zu einer noch nie da gewesenen Anti-Kriegsbewegung. Vor allem junge Leute gingen auf die Straße. Was sie bewegte, fand ihren Ausdruck in den Liedern ihrer Idole, Protestsängern wie Bob Dylan und Joan Baez. Auch die Beatles, deren Titel zwischen 1960 und 1970 die Hitparaden beherrschten, komponierten und texteten unter dem Einfluss des Vietnamkrieges. Ihre Musik zusammen mit entsprechenden Handlungsszenen aus dem Film „Across the Universe“ wollte ich nun nutzen, um meiner Klasse zu zeigen, wie heftig die Auswirkungen dieses Krieges (Schrecken, Verlust, Trauer, Protest und Gewalt) das normale Leben von jungen Menschen in einer demokratischen Gesellschaft beeinflusst hat.

Als ich die Bilder zum letzten Song (Let it be) gezeigt hatte, fragte ich die Schüler nach ihrem Eindruck. Sie schauten mich ratlos an. Dann meinte ein Mädchen: Unterhaltsam. Ich war sprachlos. Spontan startete ich den eingangs erwähnten Clip. „Nothing´s gonna change my world“ singt Fiona Apple immer wieder und schaut dabei unschuldig mit Kopfhörern auf den Ohren in die Kamera, während im Hintergrund Männer mit Baseballschlägern und Eisenstangen das Café, in dem allein sie sitzt, kurz und klein schlagen. Die Schüler sahen die Dissonanz sofort und deuteten die Gewalt als Krieg. Die totale Ignoranz der Frau sahen sie auch, konnten sie aber nicht lesen. Ich fragte sie: Wer verfolgt täglich in seinem Handy die Nachrichten? Einer meldete sich. Ich fragte weiter. Was macht die Bundeswehr in Afghanistan, im Nahen Osten und in Mali? – An welche Länder verkauft Deutschland Kriegsgerät? – Jetzt verstanden sie die Metapher. Es kam der obligatorische Fluchtversuch. Man kann ja doch nichts ändern. Die Antwort kam aus ihren Reihen. Das haben die Menschen in der Anti-Vietnamkrieg Bewegung nicht so gesehen. Die Pausenklingel kam genau zur richtigen Zeit. Die Störung in ihren Denkmustern wollte ich nicht zerreden. Eine letzte Frage hatten sie noch. „Was müssen wir über den Vietnamkrieg für die Klausur wissen?“ – Da hatte ich sie neugierig gemacht, Betroffenheit erzeugt und zum Denken gebracht … dachte ich. Meine Erfahrung/Befürchtung schien wieder einmal bestätigt worden zu sein. Sie lernen für den Moment des Gemessen Werdens, für die Note. Die Welt da draußen interessiert sie nicht wirklich. Nothing´s gonna change their world.

Die erste Aufklärung hatte den Menschen vom Erklärungsdogma der Kirche befreit. Vielleicht ist es Zeit für eine zweite Aufklärung, die den Menschen vom Erklärungsdogma der Leistungsgesellschaft befreit.