Politik Cafe

POLITIK-CAFÉ am 05. März 2017

Vortrag mit Diskussion

Thema und Inhalt des Vortrages

Krieg – Eine Pathologie des Westens
  1. Der Ursprung

Krieg ist ein Mittel der Politik, schrieb der preußische Militärphilosoph General Carl von Clausewitz in seinem berühmten Buch „Vom Kriege”. Das Studium der Kriege Napoleons ließ für ihn keinen anderen Schluss zu. Westliche Politiker und Generäle pflegen bis heute dieses Paradigma und handeln danach, als wäre es ein kategorischer Imperativ. Trotz zweier Weltkriege mit Millionen von Toten und trotz der Gefahr der globalen Vernichtung durch einen Nuklearkrieg und trotz des in der UN Charta vorgeschriebenen Kriegsverbots greifen westliche Nationen immer wieder zu Krieg, um politische Ziele durchzusetzen. Warum tun sie das? – Ich möchte auf die Frage mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe antworten, der schrieb:

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;
jenes bedrängt, dieses erfrischt;
so wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich presst,
und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt!

Würde man Goethes Metapher des Atmens auf Wachstum, eines der Wesensmerkmale des Kapitalismus, anwenden, könnte man sagen, dass der Westen immer nur einatmet. Je mehr er jedoch einatmet, desto größer wird die innere Spannung, die sich nach Ausatmen sehnt. Anstatt aber endlich auszuatmen, verlangt die Sucht des Einatmens nach dem alles erlösenden letzten Zug des Luftholens. Das ist auf Staatenebene der Krieg. Im Medizinischen ist die Unfähigkeit auszuatmen eine Krankheit, die wir Asthma nennen.  Der Westen ist asthmatisch. Das ist pathologisch. Wenn der Westen in eine gesunde Balance des Ein- und Ausatmens kommen will, geht das nur, wenn er das alte Kriegs- Paradigma endlich über Bord wirft.

Krieg darf kein Mittel der Politik mehr sein. Die Notwendigkeit eines kategorischen Paradigmenwechsel wird an drei inhärenten Mängeln deutlich, die sich bei allen Kriegen, die der Westen nach 1990 geführt hat, gezeigt haben. Ich möchte diese am Beispiel des gerade stattfindenden Krieges offenlegen, den die USA in Syrien und im Irak gegen den Islamischen Staat führen (Operation „Inherent Resolve“).

  1. Drei Mängel

a. Fehlende, unklare oder vorgetäuschte Zielsetzungen

Krieg muss immer einem politischen Ziel dienen, das mit militärischen Mitteln erreichbar ist und einen klar definierten Zustand hat, den es zu erreichen gilt. Westliches militärisches Denken verlangt die Messbarkeit dieses Zustandes. Seit August 2014 „misst“ das US Militär den täglichen Erfolg seiner Operationen. Was allerdings fehlt ist eine Maßzahl, die den Endzustand, die Zielerreichung definiert. Hier ist eine Übersetzung der politischen Ziele, die ich der Homepage des Pentagon für die Operation „Inherent Resolve“ entnommen habe:

Die Combined Joint Task Force “Operation Inherent Resolve” hat den Auftrag, mit Hilfe, zusammen mit und durch regionale Partner DA´ESH (den Islamischen Staat) im Einsatzgebiet militärisch zu besiegen, um ….

–  den Aktionen der Koalitionsregierungen zu ermöglichen, die regionale Stabilität zu erhöhen.

– die Ideologie von DA´ESH zu besiegen und gleichzeitig den globalen Fluss von fremden Kämpfern und radikalisierten   Dschihadisten in unsere Länder einzudämmen.

Beim näheren Hinsehen werden Sie feststellen, dass diese politischen Ziele militärisch nicht umsetzbar sind. Wegen ihnen Krieg zu führen ist sinnlos.

b. Missachtung bewährter Militärdoktrin

Zu Beginn der Operation „Inherent Resolve“ hatte US Präsident Obama erklärt, Dass die USA keine eigenen Bodentruppen einsetzen werde. Diese Entscheidung findet sich in der Auftragsformulierung wieder:

Letztendlich soll der militärische Sieg über DA´ESH durch einheimische Kräfte errungen werden. Wir werden unseren Auftrag zusammen mit diesen einheimischen Kräften erfüllen, und wir werden eine verbesserte Stabilität in der Region durch diese Partner erreichen.

Eine Kriegsführung gegen den Islamischen Staat ohne eigene Bodentruppen verstößt gegen die bewährte westliche Militärdoktrin „Jointness“, die vereinte Anstrengung von Armee, Luftwaffe und Marine, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Luftunterstützung für Rebellengruppen am Boden erfüllt nicht die Bedingungen von „Joint“ Operationen. Es gibt keine gemeinsame Militärkultur, keine gemeinsame Sprache, keine standardisierten Verfahren und keine Kräfte-Kohärenz. Eine Kriegführung nur aus der Luft ist uneffektiv. Einen solchen Krieg zu führen ist deswegen allein schon sinnlos.

c. Missachtung der eigenen Ethik

Das Bombardieren von Aufständischen, die sich immer zum eigenen Schutz unter die Bevölkerung mischen, wird „Kollateralschäden“ erzeugen, trotz Präzisionsmunition und trotz sorgfältigster Zieleauswahl. Meiner Auffassung nach ist kein toter Terrorist das Leben eines einzigen Kindes wert, dass ausversehen durch eine unserer Bomben getötet wird. Wenn Krieg dazu führt, dass die eigene Ethik missachtet wird, ist er nicht nur sinnlos, sondern ein Verbrechen.

  1. Meine Lösung

Ein Paradigmenwechsel bedeutet immer auch Kulturveränderung. Die kann man weder von oben anordnen noch von unten erzwingen. Es sollte ein Lernprozess angestoßen werden. Ich schlage vor, in allen Bereichen und Ebenen, national wie international, Diskurse anzuzetteln. Die Öffentlichkeit, die Medien, Politiker und Soldaten müssen über das Thema aufgeklärt werden. Es geht darum, sie zu ermuntern, gegen Krieg als Mittel der Politik Position zu beziehen und aufzusprechen. Dieser Prozess wird Leben retten, kurzfristig durch das Erzeugen von Öffentlichkeitsdruck und langfristig durch die Entstehung eines neuen Paradigma, eines, das uns endlich gesund atmen lassen lässt … das der Humanität. – Die in Politik, Strategie, militärische Strukturen, Organisationen, Ausrüstung und Ausbildung umzusetzen ist die große Herausforderung. Intelligent genug wären wir dafür. Woran es uns fehlt ist Bildung, vor allem Herzensbildung.

 

 

Literatur-Verzeichnis

Englischsprachig

  1. Michael Scheurer: Imperial Hubris – Why the West is losing the War on Terror. Washington 2004.
  2. Margaret McMillan. Paris 1919 – Six Months that Changed the World. New York 2001.
  3. Peter Paret: Makers of Modern Strategy – From Machiavelli to the Nuclear Age. Princeton 1986.
  4. Carl von Clausewitz edited and translated by Michael Howard and Peter Paret: On War. Princeton 1976.
  5. Paul Kennedy: The Rise and Fall of Great Powers. New York 1987.
  6. Sudhir Kakar: The Colors of Violence – Cultural Identities, Religion, and Conflict. Chicago 1996.
  7. Alistair Horne: A Savage War of Peace – Algeria 1954-1962. New York 1977
  8. Stephen Kinzer: All the Shah´s Men – An American Coup and the Roots of Middle East Terror. Hoboken 2003.
  9. Thomas P.M. Barnett: The Pentagon´s Map of the Twenty-First Century. New York 2004
  10. Norman Dixon: On the Psychology of Military Incompetence. London 1976.
  11. Edward A. Smith: Effects Based Operations – Applying Network Centric Warfare in Peace, Crisis, And War. Washington 2002.
  12. Robert Kagan: Of Paradise and Power – America and Europe in the New World Order. New York 2003.
  13. Samuel P. Huntington: The Clash of Civilizations – Remaking of World Order. New York 1997.

 

Deutschsprachig

  1. Claude AnShin Thomas: Am Tor zur Hölle – der Weg eines Soldaten zum Zen-Mönch. Bielefeld 2003.
  2. Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft.
  3. Humberto R. Maturana, Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis – Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Frankfurt 2009.
  4. Fritz B. Simon: Die Kunst, nicht zu lernen – Und andere Paradoxien in Psychotherapie, Management und Politik …
  5. Fritz B. Simon: Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus. Heidelberg 2009.
  6. Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld: Wie wir uns selbst erfinden – Eine Autobiographie des radikalen Konstruktivismus. Heidelberg 2010.