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Liebe mich 2

 

 

Prolog

Liebe mich …

… sonst sterbe ich

 

Mütter haben ihn schon mindestens einmal gehört und Männer, wenn sie das Glück hatten, dabei gewesen zu sein. Ich meine den ersten Schrei eines kleinen Menschen, nachdem er aus der Geborgenheit des Mutterleibes in diese Welt gepurzelt ist. Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, warum Babys diesen Schrei ausstoßen. Diejenigen, die es wüssten, die Neugeborenen, sagen es einem nicht. Und wenn sie es dann sagen könnten, erinnern sie sich nicht mehr. Mir erscheint die folgende Erklärung am plausibelsten. Es ist der Selbsterhaltungstrieb. Das Kleine ruft: Hier bin ich. Wärme mich, sonst erfriere ich. Füttere mich, sonst werde ich verhungern. Unter normalen Umständen werden alle Mütter dieser Welt auf diesen Hilferuf reagieren und ihr Kind wärmen und füttern. In den industriell entwickelten Gesellschaften steht sogar ein ganzes Gesundheitssystem bereit, um dem Neugeborenen darüber hinaus einen optimalen Start ins Leben zu gewährleisten. In den armen Ländern dieser Welt gibt es ein solches System nicht und noch schlimmer. Kinder werden in den Hunger hineingeboren. Jeden Tag sterben 18 000 Kinder unter 5 Jahren an Hunger. An dieser Stelle möchte man aufhören zu schreiben. Entsetzen und Trauer verschlagen einem die Sprache. Hören wir nicht hinter diesen Zahlen denselben Hilfeschrei, den ein Säugling kurz nach seiner Geburt von sich gibt? – Wir „hören“ ihn nicht, befürchte ich. Obwohl genug zu essen für alle da wäre, ändert sich nichts. Wir, das sind die Bürger der reichen Länder wie Deutschland. Wir „hören“ auch oft Hilferufe unserer eigenen Kinder nicht. Der Mangel, der diese Hilferufe auslöst, bedroht nicht in erster Linie das physische Überleben, sondern viel schlimmer, das seelische.  Es ist der Mangel an Liebe. Die „Hilferufe“ kann man jeden Tag „hören“, in der Familie, in der Schule, im Beruf, in der großen Politik, ja sogar noch kurz vor dem Ende des biologischen Lebens. Die amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck schrieb einmal: „Kinder, die nicht geliebt werden, werden Erwachsene, die nicht lieben.“ Ich möchte diese Aussage konkretisieren und bewusst dramatisieren: Amokläufer und Terroristen waren alle einmal Kinder, die nicht geliebt wurden. Wenn sie ihre Taten begehen, sind sie seelisch schon längst gestorben. Ihr Hilfeschrei – Liebe mich, sonst sterbe ich – ist unbeantwortet geblieben.

Die folgenden kleinen Geschichten beruhen auf tatsächlichen Begebenheiten. Sie erzählen von der Not, die Kinder jeden Tag haben, wenn Liebe fehlt aber auch davon, was Liebe vermag, wenn sie gegeben wird. Es ist nicht meine Absicht, den moralischen Finger zu heben und schon gar nicht eine Handlungsanweisung für „richtige“ Erziehung herauszugeben. Auch einer Veränderung des Schulsystems das Wort zu reden ist nicht meine Absicht. Ich bin der Überzeugung, dass wir einen Riesenschritt in Richtung sinnvoller Veränderung machen könnten, wenn wir Kindern mit mehr Liebe begegnen würden. Das heißt konkret, dass wir uns ihrer Einmaligkeit in Bezug auf Lebensalter, Lebensumstände, Eigenarten, Talenten, Wünschen, Träumen aber auch Ängsten bewusst werden und ihnen zu jeder Zeit und an jedem Ort mit Achtsamkeit gegenübertreten. Sie geben es uns tausendfach zurück. Ich weiß es aus eigener Erfahrung. Aber lesen Sie selbst.