Ethische Kybernetik

Guck mal, wer da denkt.

 

Was ist Kybernetik? – Wenn Sie bei Wikipedia nachschauen, finden Sie Begriffe wie Prozesssteuerung, Systemtheorie und Rekursivität. Man könnte sagen, Kybernetik beschreibt, wie wir denken und handeln, um eine Aufgabe oder ein Problem zu lösen. Kybernetik begegnet uns jeden Tag, im Privaten, im Beruf, in der Wirtschaft und in der Politik. Meistens ist es uns nicht bewusst, dass wir Kybernetik anwenden, wenn wir den Wochenendeinkauf, den Geburtstag des Kindes, den Urlaub oder einen Autokauf planen. In Wirtschaft, Politik und beim Militär wird Kybernetik bewusst und professionell betrieben. Der Denk- und Handlungszyklus, der bei allen genannten Aufgabenstellungen abläuft, entspricht der Kybernetik der 1. Ordnung (Abb. 1).

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Nachdem man sich über die Aufgabenstellung klar geworden ist, betrachtet man „die Welt“ der Aufgabe/des Problems und macht eine Situationsanalyse: Wer macht was, wann, wo, womit, gegen wen, was könnten die Anderen vorhaben, wie wird das Wetter, was kostet das, und wer bezahlt u.a. Optionen werden entwickelt und miteinander verglichen. Nachdem man sich für die günstigste entschieden hat, wird diese ausgeplant und umgesetzt. Während und nach der Ausführung vergleicht man das Erreichte mit dem, was geplant war und nimmt die guten wie schlechten Erfahrungen mit in den nächsten Planungszyklus. Wenn man mit dieser Methode an Aufgaben oder Problemstellungen herangeht, wird man (fast) immer zu akzeptablen Lösungen kommen. Das kleine Wörtchen in Klammern weist auf ein universales Problem hin, das in unseren Führungskulturen kaum Beachtung findet. Es gibt Aufgabenstellungen, bei denen die mechanische Anwendung der Kybernetik der 1. Ordnung unverantwortlich und unethisch ist und immer wieder auch zu Katastrophen geführt hat. Kriege und Militäreinsätze der Neuzeit bieten ausreichende Beispiele hierfür. Es hat etwas mit der Art der Fragen zu tun, die man stellt, wenn man Aufgaben- und Situationsanalysen durchführt.

Der Kybernetiker und Philosoph Heinz von Foerster spricht von entscheidbaren und prinzipiell unentscheidbaren Fragen. Eine Frage gilt als entscheidbar, wenn der Rahmen, in der die Frage gehört und die Regeln, die man darin allgemeingültig festgelegt hat, eine Antwort eindeutig vorgeben. Ist die Zahl 67 345 832 durch 2 teilbar ist eine entscheidbare Frage. Fragen, die im Rahmen der Mathematik oder auch der klassischen Physik gestellt werden, gelten als entscheidbar. Als prinzipiell unentscheidbar gelten Fragen, die letztendlich in den Bereich der Metaphysik gehören: Was ist Freiheit? – Was ist Glücklichsein? – Was sind universelle Menschenrechte? – Ist Demokratie die beste Regierungsform? – Können Männer besser Auto fahren als Frauen? – Je nachdem, ob Sie einen Mann, eine Frau, einen Hamburger, einen  Amerikaner, einen Tuareg, einen Aborigines oder einen Taliban fragen, Sie werden unterschiedliche Antworten bekommen.  Die Antwort auf eine prinzipiell unentscheidbare Frage ist nicht so sehr eine Sachauskunft, sondern sagt viel mehr etwas über den Menschen aus, der antwortet. Die Situationsbeschreibungen und Bewertungen, die ein Mensch im kybernetischen Planungs- und Entscheidungsprozess anstellt, spiegeln daher nicht eine von ihm unabhängige Welt wider, sondern immer nur „die eigene Welt“. Wenn wir also verantwortungsbewusst, ethisch und problemorientiert handeln wollen, müssen wir immer auch den Planer und Entscheider beim Aufgaben- und Problemelösen einbeziehen. Das gilt für die eigene Position genauso wie für alle anderen Beteiligten (am Markt oder im Konflikt). Den Planungs- und Entscheidungsprozess, der den Planer und Entscheider als Teil des Problems mit einbezieht, nennt  Heinz von Foerster die Kybernetik der 2. Ordnung (Abb 2)._wsb_352x312_Kyber+2

Die Einbeziehung der Planer und Entscheider und „ihrer Welt“ als Teil der Problem- oder Aufgabenstellung geschieht über Fragen, wie zum Beispiel: Was läuft Hirn-biologisch ab, wenn sie wahrnehmen, lernen und Wissen erzeugen? – Welche individuellen, sozialen und kulturellen Muster tragen zur Erzeugung „ihre Welt“ bei? – Welche Auswirkungen haben diese Muster, wenn sie im Regelkreis der Kybernetik fühlen, denken und handeln? – Um solche Fragen zu stellen und beantworten zu können, bedarf es einer Neu-Orientierung und Erweiterung in der Führungsausbildung. Die lassen sich organisieren. Das größte Hindernis, die Kybernetik 2. Ordnung anzunehmen, ist die Blindheit gegenüber der eigenen Blindheit. „We do not see that we do not see!“ So hat es der Neurobiologe Humberto Maturana genannt. Wenn ein Unternehmen eine Marktanalyse macht oder wenn der Einsatzführungsstab der Bundeswehr eine Lagefeststellung zu Afghanistan anstellt, dann sind alle Beteiligten überzeugt, dass sie eine „reale Welt“ wahrgenommen und bewertet haben. Die Fähigkeit, Unmengen von Daten zu sammeln, zu verarbeiten und über „intelligente“ Programme Lösungen zu erzeugen, bestätigt sie darin. Sich selber bei diesem Tun zu beobachten und in Frage zu stellen scheint in unseren Hirnen als „illegal action“ blockiert zu werden. Diese Blockade zu lösen ist die eigentliche Herausforderung.