Geschichten, die bewegen … Kinder wie Erwachsene

 

Die letzte Geographiestunde des alten Schuljahres ging zu Ende. Während ich meine Sachen packte und die Kinder in fröhlicher Ferienstimmung aus der Klasse strömten, kamen einige bei mir am Pult vorbei, um mir die Hand zu geben. Der letzte war Dennis. Er bedankte sich bei mir, und dann sagte er: „Ich soll sie von meinem Großvater recht herzlich grüßen. Er fand es Klasse, dass Sie uns auch Geschichten aus Ihrem Leben erzählt haben.“ Ich wusste sofort, welche Geschichte er meinte, und ich wusste auch, warum er sich bedankt hatte. Hier ist die Geschichte der Geschichte. Wenn Sie beide kennen, werden Sie vielleicht verstehen, warum Geschichten erzählen so wichtig ist, für die Schule und fürs Leben, das wir die meiste Zeit im Beruf verbringen.

Zu Beginn des zweiten Schulhalbjahres hatte ich mit den Kindern verabredet, dass sie das vorgegebene Geographiethema „Eine Welt – viele Welten“ inhaltlich nach eigenen Vorstellungen konkretisieren dürfen. Jeweils zwei Schüler sollten sich zusammentun, um das Einzelthema, das sie sich ausgedacht hatten, zu recherchieren, vorzubereiten und zu einem festgelegten Datum zu präsentieren. Ich hatte ein Spreadsheet vorbereitet, in das sie sich eintragen sollten. Als ich es ausgefüllt zurückbekam, erwartete ich 13 Zweiergruppen und 13 verschiedene Themen. Auf dem Zettel waren aber nur 12 Gruppen und 12 Themen eingetragen. Der Grund dafür sprang sofort ins Auge. Es gab eine Dreiergruppe. Ein einzelner Schüler war übrig, Maik. Keiner mochte ihn. Maik war vorlaut, unzuverlässig und hatte die Klasse durch so manch zerstörerisches Verhalten in Verruf gebracht. Ich fühlte mich in meiner Führungsrolle als Lehrer herausgefordert und habe die Dreiergruppe (nur Jungs) angesprochen. Einer von euch wird mit Maik eine Gruppe bilden! Sie schalteten auf stur. Daraufhin habe ich Dennis – den Leistungsstärksten in der Klasse – eingeteilt, mit Maik zusammen ein Team zu bilden. Am nächsten Tag kam Dennis zu mir. Es ginge nicht. Mit Maik kann man nicht zusammenarbeiten. Am Wochenende rief mich sogar Dennis Mutter an. Ich möchte bitte ihren Sohn nicht dazu zwingen, mit Maik zusammenzuarbeiten. Schließlich ginge es darum, dass Dennis eine gute Note bekommt. Mit Maik zusammen sei das nicht möglich. Es kam der Montag. Ich wusste, dass Predigen keine Lösung bringt und Zwang auch nicht. Die Dreiergruppe belassen und Maik es allein tun lassen wäre mein Eingeständnis von Führungsunfähigkeit, und das kam nach über 30 Jahren Führungserfahrung in der Bundeswehr überhaupt nicht in Frage. Diese Gedanken gingen mir auf der morgendlichen Fahrt zur Schule durch den Kopf. Und dann ging bei mir die Lampe an, und ich wusste, wie ich sie „kriege“. Nach der morgendlichen Begrüßung erwarteten alle, dass ich die endgültige Vortragseinteilung bekannt gab. Nichts dergleichen tat ich. Ich fragte sie: Kennt ihr das Motto der Marines? – Die Köpfe der Jungs zuckten sofort hoch. Sie kannten die Marines aber nicht deren Motto. „We never leave somebody behind!“ – Ich gab ihnen ein paar Beispiele aus der Geschichte, und dann habe ich meine erzählt.

Luftlandeschule des Heeres im Schongau. Lehrgang Überlebensausbildung für Besatzungen von Kampfjets. Wir wurden irgendwo im Allgäu ausgesetzt und sollten uns nach einem angenommenen Schleudersitzausstieg über feindlichem Gebiet zu einem verabredeten Ort durchschlagen. Dort würde uns zu einer bestimmten Zeit ein Hubschrauber aufnehmen. Wir, das waren mein Waffensystemoffizier (WSO) und ich und ein weiterer WSO, dessen Pilot zu Beginn des Lehrgangs krank geworden war. Wir marschierten durch Feld und Wald, bei Tag und bei Nacht und im Regen. Unser „dritter Mann“ war körperlich nicht sehr fit und außerdem starker Raucher. Es waren noch 6 Kilometer bis zum Rendezvous-Punkt, und wir hatten weniger als 2 Stunden Zeit zur Verfügung. Als wir das Marschtempo anzogen, rastete er aus. Er warf sein Gepäck in die Wegesböschung und sich dazu. Er kann nicht mehr, und er will jetzt eine rauchen, und was soll der ganze Quatsch überhaupt. Wir haben ihm seine Zigarette zugestanden und etwas klargestellt. Wir alle drei werden pünktlich am Hubschrauberlandeplatz ankommen. Auf dem Weg dorthin wird noch eine Zigarettenpause eingelegt, und sein Gepäck übernehmen wir, mein WSO und ich. Genauso haben wir es gemacht. Später hat er sich bei uns für sein jämmerliches Verhalten entschuldigt. Er hat etwas gelernt, hat er gesagt.

Dennis und Maik hielten ihre Präsentation zum festgesetzten Termin und bekamen von ihren Klassenkameraden ein gutes Feedback und viel Lob. Die anschließende Diskussion ging dieses Mal nicht über das Geographie-Thema, sondern über Kameradschaft.

Einige Tage später erzählte ich die Geschichte ein paar Freunden. So etwas gibt es nur in der Bundeswehr. In einer Firma wäre so etwas nicht möglich. Was?, habe ich gefragt. Kameradschaft, war die Antwort. Und wie ist es mit Geschichten erzählen? – Das mag mit Kindern gehen, bei Erwachsenen funktioniert das nicht. – Dann hab sie über ihre Firmen diskutiert, und was sich ändern müsste, damit Kameradschaft möglich wäre.