Dieses Jahr ist Wahljahr. Für Politiker der etablierten Parteien tut sich ein Dilemma auf. Sie hatten bisher die Lockdown-Politik der Merkel-Regierung mitgetragen und damit für Millionen Bürger (Wähler!) viel Leid erzeugt. Ich spare mir hier die Details. Jetzt beginnt man, trotz ungünstiger Inzidenz-Zahlen und lauernder Virus-Mutationen Lockerungen in Aussicht zu stellen. Es gilt, als Retter in der Pandemie und gleichzeitig als fürsorgliche Politiker glaubwürdig zu bleiben. Ob dieser Spagat gelingt, muss bezweifelt werden. Corona-Ängstliche werden die Lockerungen nicht gutheißen. Lockdown-Geschädigte werden sich bestätigt fühlen, Opfer einer verfehlten Politik zu sein. Die allseits beklagte gespaltene Bevölkerung könnte hier zu einem traurigen Konsens kommen. Unsere Politiker sind Heuchler. Das ist sicherlich eine platte Verallgemeinerung. Es gibt in allen Parteien anständige Politiker, die aus Überzeugung Politik machen und sich bemühen, das Ganze zu sehen. Trotzdem ist der Vorwurf des Heuchelns nicht von der Hand zu weisen, wie folgendes Beispiel zeigt.

Während der Kommunalwahlen im letzten Sommer war ich im Nordrhein-Westfälischen zu einer Wahlparty eingeladen. Im Rahmen der Laudatio auf die Wahlhelfer holte der frisch-gewählte Bürgermeister sein Team zu einem Gruppenfoto auf die Bühne. Man stellte sich Arm in Arm zum Gruppenbild auf, ohne Maske. Da sagte eine Stimme: Das Bild dürfen wir aber nicht veröffentlichen. Nach ein paar Schrecksekunden eilte jeder zu seinem Platz, um seine Maske zu holen, und eine neue Aufnahme wurde gemacht. Ich konnte mir eine Bemerkung zu den Gesprächspartnern an meinem Tisch nicht verkneifen und sagte, dass ich das als Heuchelei empfinde. Unverständliche Blicke. Ich provozierte weiter und fragte, ob während des Wahlkampfes ihr Kandidat die Corona-Maßnahmen angesprochen hätte und die Not, die sie für viele Bürger erzeugt haben und immer noch erzeugen. Der Tenor der Antworten: Wenn ihr Kandidat das thematisiert hätte, wäre er nicht gewählt worden und hätte seine politische Karriere riskiert. Ich konnte das Argument aus Sicht der politisch engagierten Bürger gut nachvollziehen, habe mir aber nicht verkneifen können, auf die ethische Dimension eines solchen Verhaltens hinzuweisen. Um nicht belehrend daherzukommen, erzählte ich ein Beispiel aus meiner militärischen Erfahrungswelt.

Ich war damals Teilnehmer der amerikanischen Generalstabsausbildung an der Air University der US Air Force. Das Thema des Trimesters war der Vietnamkrieg. Wir saßen im Auditorium der Universität und hatten eine Präsentation über den Krieg bekommen. Nun sollte eine Podiumsdiskussion stattfinden, zu der man die prominentesten US Commander von damals eingeladen hatte. Obwohl Pensionäre und über 80 Jahre alt, waren sie alle gekommen. Die Fragen meiner US-Kameraden fokussierten auf operative und taktische Details des Krieges und waren sachorientiert, bis die amerikanische Strategie des „Body Count“ zur Sprache kam. Zum Verständnis der Emotionalität, die dann die Diskussion beherrschte, sei sie hier kurz erklärt.

Das vorgegebene politische Ziel aus Washington für die amerikanische Kriegsführung war ein kommunistenfreies, unabhängiges und demokratisches Südvietnam. Der Stab des Oberkommandierenden, General Westmoreland, sollte es in eine militärische Strategie umsetzen. Als Ziel wurde nicht Gewinnen festgelegt, sondern die südvietnamesischen Streitkräfte in die Lage zu versetzen, ohne die Hilfe amerikanischer Truppen die kommunistischen Aufständischen, den Vietkong, zu besiegen. Um Zielerreichung messen zu können, hat man über die geschätzte Mannschaftsstärke des Gegners eine Prozentzahl festgelegt, die es galt zu fangen oder zu töten. Die Strategie des „Body Count“ war geboren.  Die Umsetzung auf der taktischen Ebene war recht einfach. Man brauchte nur genug tote Körper vorweisen, die einen schwarzen Leinenanzug trugen (die Kleidung des Vietkongkämpfers), und die US-Truppen könnten nach Hause gehen. Tragischer Weise trug auch die Landbevölkerung in Südvietnam vielerorts schwarze Kleidung. Sie wurde recht schnell für kriegsmüde US-Truppen ein willkommener „Zähler“ beim Abarbeiten der Soll Liste toter Vietkong. Die Folge war eine Kriegführung, die wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nahm.  Am Ende zeigte sich, dass die Strategie des „Body-Count“ nicht nur militärisch ein Fehlschlag war, sondern auch Kriegsverbrechen Vorschub geleistet hat.

Zurück zur Podiumsdiskussion. Ich habe General Westmoreland gefragt: Als ihnen damals klar wurde, dass die „Body-Count“ Strategie nicht funktioniert, sondern Verbrechen nach sich zieht, warum haben sie sie nicht aufgegeben? – Sie war politisch gewollt, hat er geantwortet. – Warum haben sie dann nicht ihren Hut genommen, habe ich gefragt. – Seine Antwort war: Ich wusste, sie würden einen anderen finden, der es tut, und der würde es nicht so gut können wie er. – Später, während einer Kaffee-Pause, wurde leidenschaftlich weiter diskutiert. Es war ein amerikanischer Lehrgangskamerad, der auf die ethische Dimension eines solchen Führungsverhaltens hinwies.  Er meinte: Wer weiß, wenn der General damals seine „Body-Count“ Strategie für untauglich und unmenschlich erklärt hätte, wäre er vielleicht von seinem Posten enthoben worden. Seine ethische Haltung hätte aber sicherlich bei den politischen Verantwortlichen und bei der kriegsmüden Bevölkerung Eindruck gemacht und in der Folge zu einer Friedenspolitik führen können, die den Krieg beendet hätte.

Mir ist bewusst, dass alle Beispiele hinken. Trotzdem glaube ich, dass in der Essenz mein Beispiel auf die Corona Politik und auf das Verhalten so mancher Politiker passt. Auch heute benutzt man einen „Body Count“, um den Virus zu bekämpfen und nimmt in Kauf, dass dabei Menschen geopfert werden. Auch heute trauen sich Führungsmenschen nicht, ehrlich zu sein. Wenn die sich trauen würden, die Politik immer wieder in Frage zu stellen, bestehe nämlich die Chance, auf die Regierenden in Berlin und in den Landeshauptstädten und nicht zuletzt auf die Menschen in unserem Land Eindruck zu machen. Eine solche Haltung wäre nicht nur ein Gewinn für unsere demokratische Kultur, sondern auch für das Ansehen jedes Einzelnen, der sich den Bürgern zur Wahl stellt. Ob das so kommt, kann niemand vorhersagen. Ich befürchte, dass weiter geheuchelt wird. Bleibt die Hoffnung, dass die Macht des Volkes die Politiker zwingen wird, mit der unmenschlichen Corona-Politik aufzuhören.  Wie stark diese Macht ist, hat auch der Vietnamkrieg gezeigt. Sie hat ihn beendet.

 

 

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