Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. George Bernard Shaw

 

Während der Schlacht bei Königgrätz im preußisch-österreichischen Krieg 1866 geriet die Garde Division des preußischen Königs Wilhelm in arge Bedrängnis und musste hohe Verluste hinnehmen. Wilhelm beklagte sich bei seinem Adjutanten: “Wozu waren wir so oft im Manöver?“ – Der Adjutant soll geantwortet haben:“ Dort haben wir die Fehler gelernt, Majestät.“

Manöver als das Simulieren von Schlachtsituationen gehören seit Jahrhunderten zur militärischen Ausbildungsdoktrin. Die Armee, die im Chaos einer Schlacht ihre Fähigkeiten am effektivsten zur Entfaltung bringen könnte, würde am Ende die Oberhand behalten. Man war daher bemüht, Armeen so optimal, das heißt so realitätsnah wie möglich auszubilden. Dieses Muster hat sich beim Militär bis heute gehalten, und ist von der zivilen Ausbildungswelt übernommen worden. In Computer gestützten Simulationen und Trainings versetzt man auszubildende Menschen in realitätsnahe Situationen, um sie für den „Ernstfall“ des Berufsalltags optimal vorzubereiten.

In der oben genannten Begebenheit konterkariert der Adjutant des preußischen Königs das Dogma einer „realitätsnahen“ Ausbildung, in dem er gerade sie als Ursache für die katastrophalen Fehler erkennt. Ihm war bewusst, dass man im Manöver in einer „Realität“ übt, die dem eigenen Denken entsprungen ist. Man trainiert sich Handlungsmuster an, die auf das eigene Realitätsmuster passen. Wenn man dann auf die „Realität“ des Ernstfalls trifft, versagen die antrainierten Denk- und Handlungsweisen, und es kann zur Katastrophe kommen.

Genauso wenig, wie man eine „objektive“ Realität konstruieren kann, ist das Fühlen, Denken und Verhalten von Menschen grundsätzlich nicht vorhersagbar. Die aus den 50er Jahren stammenden und immer noch praktizierten Kommunikations- und Verhaltenstrainings der Wirtschaft können aber nur dann „realitätsnah“ sein, wenn man den Menschen als eine triviale Maschine ansieht. Maschine bitte hier nicht als ein technisches Gerät verstehen, sondern als eine kybernetische Einheit, deren Verhaltensweise sich aus Input/Output Beziehungen bestimmen lässt. Als Beispiel für eine triviale Maschine nennt der Kybernetiker und Philosoph Heinz von Foerster einen Kaffee-Automaten.

Der Input besteht aus Pappbechern, Kaffee-Pulver, Wasser und Milch. Den Output bekommt man nach Einwurf einer Geldmünze. Ein Pappbecher fällt heraus, in den eine bestimmte Menge mit heißem Wasser aufgegossener Kaffee und Milch hineinläuft. Ein Kaffee-Automat ist vorhersagbar, weil man die Abläufe in seinem Inneren kennt. Das menschliche Hirn dagegen muss als nicht-trivial gelten, also als nicht vorhersagbar. Von Foerster beweist an einem simplen Input/Output-Modell, dass durch die Zufälligkeit der Input-Möglichkeiten (Sinneswahrnehmungen) in der Blackbox (im Hirn) zu interagieren, die Output-Möglichkeiten ins Unendliche anwachsen und daher unmöglich vorhergesagt werden können. An dieser Tatsache kommt auch das beste Marketing nicht vorbei. Wenn dann doch immer wieder Verkaufsschlager den Markt erobern, ist dies kein Widerspruch. Ich möchte behaupten, dass erfolgreiches Marketing nicht so sehr etwas über die Genialität der Marktforscher aussagt, sondern vielmehr ein Indiz ist für die (gelungene“) Trivialisierung (Vorhersagbarkeit) unserer Gesellschaft. Diese Trivialisierung hat Methode und beginnt in der Schule. Heinz von Foerster hat sie Trivialisierungseinrichtungen genannt.

Dort wird wie eh und eh nach Fächern unterteilt ein Lehrstoff unterrichtet (Input-Phase). Dieser ist dann von den Schülern in einem Test möglichst fehlerfrei wiederzugeben (Output-Phase). Output gleich Input ist das Ziel. Dazu ist allein notwendig, dass der Input auswendig gelernt wird (das nach Außen gewandte). Diese Form der Trivialisierung gilt nicht nur für das Lernen von Sprachvokabeln, Grammatikregeln, mathematische Formeln oder Geschichtsdaten. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb, dass das Auswendiglernen auch das umfasst, was wir als „Verstehen“ ausgeben. Wir lernen ausgewählte Fakten, geschnürte Informationspakete, gute und schlechte Argumente, ja ganze Argumentationsketten…“auswendig“… Je gewandter einer ist im Umgang mit dem auswendig Gelernten, desto mehr „eigenständiges“ Denken wird ihm bescheinigt. Auf diese Weise steigen „die Besten“ (der Trivialisierung) auf in die Führungsetagen von Politik, Wirtschaft, Bildung und Militär. Die Pannen, Krisen und Konflikte der Neuzeit sind für mich Indizien dafür, dass bei uns schon längst die Trivialisierten und Angepassten das Sagen haben („same procedure as every year“).

Wenn ein Generalstab so „tickt“, dann verliert man eine Schlacht und manchmal einen Krieg. Wenn ein gesamtes Bildungsbürgertum so „tickt“, dann verlieren wir die Zukunft. Wenn wir nicht auf die Zukunft zielgerichtet handeln, dann wird mit uns gehandelt werden, schrieb Heinz von Foerster. Pannen, Krisen und Konflikte werden fortgeschrieben und vielleicht irgendwann in der Katastrophe enden. Zielgerichtetes Handeln bedeutet, „alte Realitäten“ loslassen und Veränderung wagen. Das können nur kreative und wagemutige Menschen. Die brauchen den Ernstfall nicht zu üben. Die haben das Selbstvertrauen wie einst Hannibal vor der Alpenüberquerung mit seinen Kriegselefanten. Auf die scheinbar unüberwindbaren Berge hingewiesen soll er geantwortet haben: Entweder wir finden einen Weg oder wir schaffen einen. Hierin sehe ich die ureigenste Aufgabe von Schule. Nicht das angepasst Sein zu üben, sondern das verrückt Sein zu pflegen.