„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest“!
Immanuel Kant, dt. Philosoph, 22. April 1724 – 12. Februar 1804

 

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So beginnt der Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Jeder von uns hat diesen Satz sicherlich viele Male gehört oder gelesen. Und vielleicht hat der eine oder andere sich Gedanken darüber gemacht, was das ist, die Würde des Menschen. Immanuel Kant, der geistige Ur-Vater unserer Verfassung, hat es in seinem kategorischen Imperativ einfach und genial ausgedrückt. Unsere Würde besteht darin, dass niemand einen anderen Menschen bloß als Mittel zum Zweck ge-(miss-)braucht. Dass das trotzdem in unseren Arbeitsprozessen immer wieder geschieht, liegt in der Natur der Sache. In unserem Wirtschaftssystem wird der Mensch als eine Ressource angesehen, die funktionieren soll und zum Zweck des Profits „gemanagt“ wird. Auf den Menschen gerichtete Maßnahmen wie die Ausprägung von Soft Skills dienen letztendlich auch nur dem Zweck des Unternehmens: Gewinnmaximierung. Das Fatale ist, dass Manager sich für gute Führungspersonen halten oder dafür gehalten werden, wenn sie wirtschaftlichen Erfolg haben. Die menschlichen Opfer, die der Erfolg gekostet hat (einschließlich der persönlichen), werden nicht gesehen. Gute Menschenführung ist eben mehr, als nur das erfolgreiche Management von Prozessen. An einem krassen Beispiel aus dem Vietnamkrieg möchte ich verdeutlichen, wohin es führen kann, wenn einem Menschen vorgesetzt werden, die keine Vorgesetzte sind. Im Anschluss daran werde ich einen Vergleich zur Arbeitswelt in unserer Zivilgesellschaft ziehen, der natürlich hinkt. Das Verheizen von Menschen im Krieg und die Nöte von Menschen in unserer Leistungsgesellschaft sind nicht vergleichbar. Was beide Situationen verbindet ist die Erkenntnis, dass Menschen Führung brauchen. Hier nun das Kriegsbeispiel:

Das englische Wort „Fragging“ kommt von dem Verb „to frag“ und bedeutet splittern. Im militärischen Sprachgebrauch wird damit eine besondere Waffenwirkung beschrieben. Handgranaten zum Beispiel, die im Nahkampf mit gegnerischen Truppen per Hand geworfen werden, töten oder verwunden durch Metallsplitter. Handgranaten wurden im Vietnamkrieg (1965-1975) durch US Soldaten benutzt, um ohne aufzufallen eigene Vorgesetzte auszuschalten. Es gibt 230 bestätigte Tötungen von Vorgesetzten durch eigene Soldaten und 1400 vermutete. Allein 1970-1971 wurden 363 versuchte Tötungen gemeldet. Im GI Jargon nannte man das „Fragging“. Es gab sogar „Hit-Listen“, auf denen Vorgesetzte unter Angabe eines Kopfgeldes benannt wurden, die man loswerden wollte. Die Gründe für „Fragging“ war die empfundene Führungsunfähigkeit bei ihren Vorgesetzten. Festgemacht wurde sie u.a. an mangelnder fachlicher Kompetenz, Feigheit, unnötigem Wagemut aus egoistischen Motiven sowie Brutalität und mangelnde Empathie. Das eigentliche Motiv der jungen Soldaten für ihr ungeheuerliches Verhalten war die Angst um Leib und Leben. Durch die Kriegsforschung wissen wir, dass Soldaten im Einsatz nur dann eine Chance hatten zu überleben und ihren Auftrag auszuführen, wenn sie von fähigen Menschen geführt wurden, denen sie vertrauten.

Menschenführung ist aber nicht nur ein Thema des Militärs. Auch zivile Organisationen in Politik und Wirtschaft sind aus Gründen der Funktionalität hierarchisch gegliedert. Es gibt Vorgesetzte und Geführte. Stellen Sie sich vor, Ihre Organisation käme in eine Situation, in der die Mitarbeiter um Leib und Leben fürchten müßten.  Wäre „Fragging“ möglich? – Wir befinden uns nicht im Krieg, werden Sie sagen. Diese Frage sei hypothetisch. – Nun wird ein zur Menschenführung unfähiger Manager sicherlich nicht das Niedermetzeln oder gar Töten der Mitarbeiter zur Folge haben. Trotzdem gibt es jeden Tag Verluste, deren tatsächliche Zahlen im Dunkeln bleiben. Innere Kündigung, Mobbing, Burnout, Drogensucht und Ehescheidungen erzeugen keine sichtbaren Verwundungen oder Toten. Meistens werden diese Verluste als Einzelschicksale dargestellt, die man in die Psychotherapie aussondert. Wenn Ursachen genannt werden, verweisen die Verantwortlichen gern auf höherer Gewalt. Wir kennen die gängigen Erklärungsmuster: Globalisierung, Wettbewerb, der Markt und Politik und Wirtschafts- und Finanzkrisen. Eine solche Opferhaltung löst m.E. das Problem nicht, sondern ist vielmehr typisch für die eigentliche Ursache:  Die Unfähigkeit in den Chefetagen zur Menschenführung. Die Reaktionen der Menschen darauf könnte man durchaus als zivile Version des „Fragging“ ansehen. Wenn Menschen in Unternehmen keine Menschenführung erfahren, wehren sie sich. Die Palette reicht von Dienst nach Vorschrift und andere subtile Formen der Leistungsverweigerung bis hin zu exzessiven Arbeitskämpfen im Kleinen (über den Personalrat) und desaströsen Arbeitsniederlegungen im Großen (über Gewerkschaften). Für mich als ehemaliger Berufsoffizier und Kenner von Kriegsgeschichte gibt es keinen Zweifel. Menschen brauchen Führung. Das gilt besonders in von Angst besetzten stürmischen Zeiten. An dieser Stelle möchte ich den Kreis zu Kant schließen.

Der Mensch der Industriegesellschaft braucht immer Führung, auch in guten Zeiten.  In Organisationen besteht ihre Aufgabe vornehmlich darin, einer Kultur den Weg zu bereiten und zu pflegen, die von Fürsorge und Treue geprägt ist. (Beim Militär nennt man das Kameradschaft). Eine solche Gemeinschaft aus Belegschaft und Management würde nicht nur der kantischen Forderung nach Achtung der Menschenwürde Rechnung tragen, sondern auch dem ureigenen Zweck des Unternehmens dienen, nämlich erfolgreich am Markt zu sein und darüber hinaus. Darin sehe ich den Unterschied zwischen Management und Führung. Mit einem Team mag man die höchsten Gipfel ersteigen. Eine Gemeinschaft kann Berge versetzen.