Wenn Gut-sein zum Dogma wird

 

 

Dorothy, die Ehefrau meines kanadischen Lehrgangskameraden am Air War College der US Air Force, wagte es auszusprechen, was die meisten internationalen Offiziere im Lehrgang alle dachten. Dazu muss ich kurz erklären, dass bestimmte Seminare in der US-amerikanischen Generalstabsausbildung auch für Ehegatten zugänglich waren. Dorothy hatte sich für das Nuklear-Seminar (Atomwaffen, Politik, Strategien) eingeschrieben und wurde gleich in der ersten Stunde der Seminarreihe heftig gestresst. In der Einleitung stellte der Seminarleiter fest: „Wir Amerikaner sind doch eigentlich ein friedliebendes, unkriegerisches Volk!“ Meine US-Kameraden, darunter auch der Kommandant eines Atom U-Bootes, nickten zustimmend. Der Professor fuhr mit seiner Einleitung fort und präsentierte ein paar Fakten aus der Geschichte. Da explodierte Dorothy. Sie bat um das Wort, was sie natürlich sofort bekam. „In mir war gerade ein Kampf zwischen Höflichkeit und Ehrlichkeit“, sagte sie. „Ich habe mich für Ehrlichkeit entschieden und möchte ihrer Feststellung, die sie eingangs über Amerikaner als friedliebend und unkriegerisch gemacht haben, widersprechen.“ Dann sagte sie: „Ich finde, dass Sie das gewalttätigste Volk der Welt sind (`… you are the most violent people on earth´)!“ – Ich erinnerte mich an diese Begebenheit, als vor einigen Tagen die gezielte Tötung eines iranischen Generals durch eine US-Drohne bekannt wurde. Der seit Jahren geführte Drohnenkrieg der USA in Asien und Afrika scheint Dorothy recht zu geben.  Und in der Tat, wenn man sich einigermaßen in US-amerikanische Geschichte auskennt, könnte man zu dem Schluss gekommen, dass Gewaltbereitschaft in den USA eine historische Dimension hat, die latent zu sein scheint. Man trifft sie in der Außenpolitik an (Kriege gegen Mexiko 1846-1848, gegen Spanien 1898, in Vietnam 1965-1973, gegen Irak 1991 und 2003, in Afghanistan 2001 – heute, in Libyen 2011, in Syrien 2014 – heute) und in der Innenpolitik (Ausrottung der Indianer im 19. Jahrhundert, Bürgerkrieg 1861-1865, Rassentrennung bis 1964, Polizeigewalt und Todesstrafe und nicht zuletzt in den subtilen Formen von sozialer Gewalt, Armut als die schlimmste).

Das Argument für meine These, welches ich Ihnen im Folgenden darlegen möchte, kann keinen wissenschaftlichen Anspruch haben. Mir geht es um eine ethische Erklärung für Gewalttätigkeit, die das Böse an sich als Erklärungsprinzip ablehnt. Als unfreiwilligen Sekundanten für meine folgende Argumentation möchte ich den prominenten US-amerikanischen Theologie-Professor Charles Speel ins Feld führen. Ein zentrales Thema seiner Studien, Veröffentlichungen und Vorträge war die Dissonanz zwischen Puritanern und Yankees in der US-amerikanischen Gesellschaft. Beide Menschentypen gab es unter den Pilgervätern, die 1620 bei Cape Cod an der Ostküste Amerikas an Land gingen. Die Puritaner waren nach innen gekehrt fromm, gottesfürchtig, demütig, bescheiden und sendungsbewusst. Die Yankees lebten nach außen gewandt und galten als anständig, zielstrebig, ehrgeizig und schlau. Um die Ambivalenz zwischen Gläubigkeit und Geschäftigkeit aufzulösen, schuf man eine puritanische Weltanschauung, die „Technologia“. Sie sollte die Welt der Wissenschaften und hinreichenden Ursachen mit der Welt vereinigen, in der es nur eine Ursache für alles gibt: Gott. Diese Idee einer amerikanischen Gesellschaft ist meiner Beobachtung nach schon sehr früh aus dem Ruder gelaufen. Ursache liegt, vereinfach ausgedrückt, im Vertauschen eines Adjektivs.

Das „Yankeetum“, so wie es sich entwickelt hat, erkennt man daran, dass immer wieder „anständig“ durch „sendungsbewusst“ ersetzt wird. Das fällt innerhalb der Gesellschaft nicht auf, weil eigene Wissenschaftler, Juristen und nicht zuletzt die Medien reflexartig die Alibis dazu liefern. Aus der Ferne hat es den Anschein, als bemühe man Gott, die Unabhängigkeitserklärung, den Treue-Schwur auf Nation und Fahne und nicht zuletzt die Menschenrechte für bestimmte Zwecke. Dabei sind diese doch vor allem moralische Güter, die nur in der inneren Zuwendung des Mensch-seins, eben in der Reinheit des christlichen Glaubens (Puritaner!) Sinn und Wert bekommen. Sie wurden und werden immer wieder von „Yankees“ missbraucht, um die Durchsetzung von Interessen zu legitimieren. Man will der Welt, der eigenen Bevölkerung und nicht zuletzt auch sich selbst suggerieren, dass das eigene Tun deswegen gut und richtig ist, weil es Gott gewollt ist. Das ist kein kognitiver Akt, sondern eine unterschwellige Latenz im „Yankeetum“. Dieses Sendungs-Unter-Bewusstsein könnte man als die eigentliche Ursache für das „gewalttätige Amerika“ ansehen.

An dieser Stelle möchte ich meine Reflexionen beenden. Ob es so ist oder anders, ist eigentlich nicht wichtig. Es ist immer so, wie man denkt, dass es ist. Mir ging es darum zu verstehen, warum ein so freies und freundliches Volk wie das amerikanische, eine augenscheinliche Affinität zu Gewalt hat. Ich habe für mich eine Erklärung gefunden. Sie gefällt mir, weil sie nicht in der Forderung gipfelt, dass die Amerikaner sich ändern müssen. Sie gefällt mir, weil sie Demut anmahnt und damit Gewaltanwendung von vorneherein ausschließt. Moral, Humanität und Gerechtigkeit sind Werte, die nur dann wirken, wenn ich sie zu Maximen meines eigenen Handelns mache. Das Wort dafür ist Anständigkeit. Wenn ich dagegen diese Werte von anderen fordere, erhöhe ich mich und impliziere das Recht auf Gewaltanwendung, sollte der andere meine „Standards“ nicht erfüllen. Das Wort dafür ist Sendungsbewusstsein. Wie Anständigkeit in der Politik, in der Wirtschaft, im Beruf und im Privatleben konkret umgesetzt wird, liegt immer in der Verantwortung des Einzelnen. Auf keinen Fall sollte man einem Juristen die Entscheidung darüber überlassen, was anständig ist, sondern immer nur dem eigenen Gewissen. Und sollten Sie einmal im Zweifel sein, fragen Sie Ihre Kinder.

 

 

 

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