Dies ist kein Wetterbericht

 

Seit einigen Jahren erzählen Meteorologen uns jeden Tag, was die Temperatur, die sie uns vorhersagen, „gefühlt“ bedeutet, wenn wir draußen im Wind stehen. Wind Chill (Wind Frost) lautet der originäre Ausdruck für „gefühlte“ Temperaturen. In den kalten Gegenden unseres Planeten können Minustemperaturen und Sturm lebensbedrohlich sein, wenn man sich ohne entsprechende Schutzkleidung im Freien aufhält. Bei uns haben „gefühlte“ Temperaturen keine allgemeingültige Bedeutung. Befindlichkeiten in Bezug auf Temperatur und Wind sind subjektiv. In einem anderen Bereich der täglichen Nachrichten wäre es viel wichtiger, wenn man klare Aussagen zu „gefühlt“ machen würde.

Fast jeden Tag berichten die Medien von Krisen und Konflikten, an denen der Westen direkt oder indirekt beteiligt ist. Bilder und Fakten von Krieg und Gewalt in Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen und Ukraine vermögen nicht wirklich zu vermitteln, wie viel Leid Hunderttausenden von Zivilpersonen darunter vielen Kinder zugefügt wird. Wir erfahren etwas darüber, was die UN oder die NATO tut oder tun sollte. Wir erfahren, was die verantwortlichen Politiker zum Problem zu sagen haben und was sie zu tun gedenken oder zumindest, was andere tun sollten. Wir erfahren die Meinungen von Experten aus Politik und der Presse, die dann in Foren, Talkshows und an Stammtischen ausgiebig weiter diskutiert werden. Es wird die Demokratie beschworen, die Geschichte bemüht, und es wird moralisiert. Auf die Idee zu kommen, die Ereignisse mit dem Gefühl wahrzunehmen, kommt kaum einer. Die litauischen Autoren des Buches „The War in Chechnia“ (der Tschetschenien Krieg), Stasys Knezys und Romanas  Sedklickas, glauben, dass es bei der Berichterstattung über Krieg eine ethno-zentrische Arroganz im Westen gibt und zitieren den New York Times Journalisten Chuck Sedetik. Dieser nennt die Times-Style Methode bei der Darstellung von Krieg als gerechtfertigt. Sie fokussiert auf Institutionen sowie politische Führer und deren Pflichten und Entscheidungen. Die einfachen Menschen werden nur erwähnt, wenn sie als Beispiel dienen sollen. Der gefallene Soldat, die schreiende Mutter und das tote Baby sind Symbole, nicht mehr. Zitat: “I once walked through a town littered with the purple and yellow bodies of men and women and a few children, some shot to death, some with their heads torn off, and I felt nothing.”

Ob Chuck Sedetiks Äußerungen einer persönlichen Abgestumpftheit entspringen oder auf westliche Arroganz zurückzuführen ist sei dahingestellt. Sicher ist, dass im westlichen Denken der Verstand dominiert und weniger das Gefühl. Wir scheinen vergessen zu haben, dass die Quelle unsere Verfassungen und internationalem Recht die gefühlte Not von Menschen waren, die unter Unrecht, Gewalt und Willkür gelitten haben. Wenn wir von unseren Werten und Moralvorstellungen überzeugt sind und uns heute für Menschen einsetzen wollen, die unter Unrecht, Gewalt und Willkür leiden, reicht es nicht, wenn wir Demokratie fordern und uns im Übrigen zwischenstaatlicher Kraftakte bedienen (wie z.B. Waffenlieferungen an Konfliktparteien oder Bombardierungen), die zu nichts führen und höchstens noch den Konflikt anheizen und damit die Not der Menschen verschlimmern. Ihnen sollten wir helfen und endlich „gefühlt“ wahrnehmen und agieren.

Eine von Gefühl geleitete Politik ist ein Charaktermerkmal von Staatsmännern, wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat. Willi Brandt hat die Menschen und Führungen der DDR und Polens „gefühlt“ wahrgenommen und hat danach seine Politik der Entspannung ausgerichtet. Zwanzig Jahre später stellte sich der Erfolg ein. Der Kalte Krieg wurde beendet und Deutschland war wieder vereint. Sogenannte Realpolitiker warnen vor einer „gefühlten“ Außenpolitik und verweisen immer wieder gern auf die Appeasement-Politik der Briten und Franzosen beim Münchner Treffen mit Adolf Hitler 1938. Deren „gefühlte“ Außenpolitik gegenüber dem Diktator ermutigte den Diktator wenig später, erst in die Tschechoslowakei und danach in Polen einzumarschieren, was den zweiten Weltkrieg ausgelöst hat. Solche Argumente sind aber aus dem Zusammenhang gerissen. Churchill selbst nannte in seinen Memoiren als die Hauptursache für den Aufstieg Hitlers und den zweiten Weltkrieg mangelndes Gefühl der Alliierten für das deutsche Volk bei der Abfassung des Versailler Friedensvertrages 1919. Am Anfang jeder Argumentationskette über Ursachen von Kriegen und Gewalt scheint immer die Unfähigkeit oder Weigerung zu stehen, „den Anderen“ gefühlt wahrzunehmen.

Wie dem auch sei, gefühlte“ Verantwortung lässt sich weder über eine geschichtliche (konstruierte) Soll/Haben Matrix begründen, noch ist sie ein Garant für Erfolg bei der Wahrung eigener Interessen. „Gefühltes“ Führungsverhalten sollte für alle, die ihre persönliche Führungsverantwortung ernst nehmen und zu ihren Moral- und Wertevorstellungen stehen, ein kategorischer Imperativ sein. Das gilt für die Politik und im Übrigen auch für die Wirtschaft. Diese Botschaft in die Herzen von Führungspersonen hineinzubekommen ist in unserer verkopften Kultur meistens vergebliche Müh. Bildung ist der Schlüssel. Naturwissenschaften und Philosophie haben in dieser Hinsicht schon längst einen Schulterschluss vollzogen. Die neurologischen Erkenntnisse darüber, wie unser Hirn wahr-nimmt, bestätigen Jahrtausend alte philosophische Erkenntnisse.

Die einzige verantwortliche und ethische Art und Weise zu denken und zu handeln ist „gefühlt“.