Von „Mensch ärgere dich nicht“ bis hin zur Corona -Politik

 

 

Wir treffen in unserem Leben permanent Entscheidungen. Das gilt für die Vorbereitung eines Kindergeburtstags, die Planung des kommenden Jahresurlaubs, einem Wechsel des Arbeitgebers genauso wie für den Einsatz von Containerschiffen oder für Maßnahmen in der Gesundheitspolitik. Allen Entscheidungen geht ein Denkprozess voraus, von dem es abhängt, ob gute Entscheidungen getroffen werden. Gut heißt, dass sie das gesetzte Ziel der Aufgaben/Auftrags-Stellung erreichen, in meinen Beispielen ein glückliches Geburtstagskind, ein erholsamer Urlaub, Zufriedenheit und Fortkommen im Job, Profit oder gesunde Menschen in einem funktionierenden Gesundheitssystem. Alle Denkprozesse, die einer Entscheidung vorausgehen, folgen der gleichen Methode. Im Privaten eher unbewusst, in der komplexen Welt von Wirtschaft und Politik bewusst und mehr oder weniger professionell. Mit der einschränkenden Formulierung will ich auf eine von zwei Ursachen hinweisen, die zu falschen Entscheidungen führen können. Mangelnde Methodenbeherrschung ist eine. In Abbildung 1 sehen sie ein vereinfachtes Modell der Entscheidungsfindung in der Bundeswehr. Es ist auf alle Entscheidungssituationen im Kleinen wie im Großen anwendbar. Schon bei der ersten Betrachtung können sie erahnen, was man alles falsch machen kann. Eine eingehende Besprechung des Modells soll Thema eines anderen Artikels ein.

Entscheidungsprozess

Abb.1

In diesem Artikel möchte ich die erste Ursache für schlechte Entscheidungen vorstellen. Es ist das Ignorieren der Komplexität und Dynamik einer Entscheidungssituation. Das klingt zunächst sehr theoretisch, wird aber an praktischen Beispielen – hier Steuern eines Segelbootes, ein Brettspiel spielen, ein Wirtschaftsunternehmen leiten und ein Land regieren – deutlich und nachvollziehbar. Bevor Sie die Unterschiedlichkeit der vorliegenden Entscheidungssituationen erkennen und sich darauf einstellen können, ist es unabdingbar, dass Sie ein paar Grundsätze der Systemtheorie kennen und verstehen. Auch das kling wieder sehr theoretisch, wird aber an Beispielen leicht verständlich. In den Wissenschaften ist man irgendwann dazu übergegangen, die natürlichen und künstlichen Entitäten unseres Lebens als Systeme zu verstehen, die wiederum aus Komponenten bestehen, die miteinander verbunden sind und miteinander interagieren. In Abbildung 2 sind ein paar dargestellt.

Systeme

Abb. 2

Ein Baum als System besteht aus den Komponenten Wurzeln, Stamm, Ästen, Borke, Blätter, Früchten usw., der Mensch aus Knochengerüst, Organen, Blut usw., ein Auto aus Karosserie, Motor, Getriebe usw., das Bildungssystem aus Schulen, Universitäten, Schülern, Lehrern, Lehrplänen usw. und die globalisierte Welt aus Staaten, Kulturen, Beziehungen usw. Wenn wir auf ein solches System über Entscheidungen Einfluss nehmen, indem wir eine Komponente verändern, hat das Einfluss auf andere Komponenten, da ja alle miteinander verbunden sind und interagieren. Diese Erkenntnis hat der vor einigen Jahren verstorbene Bremer Psychologe und Unternehmensberater Prof. Peter Kruse benutzt, um ein einfaches Modell zur systemischen Entscheidungsfindung zu konstruieren. Er differenziert Entscheidungssituationen nach der Beschaffenheit eines Systems. (Abb. 3) Hat ein System wenige Komponenten, wird es „einfach“ genannt. Hat es viele Komponenten, „komplex“. Ist die Interaktion der Komponenten vorausschaubar, nennt man ein System „stabil“, ist sie es nicht, „instabil“. Daraus ergeben sich 4 Möglichkeiten für ein System zu sein. Jede der Möglichkeiten erfordert eine andere Entscheidungsfindung.

 

systemisch

Abb. 3

Erstes Beispiel: Das System ist einfach und stabil
Wenn Sie mit einem Segelboot von See kommend zurück in den Hafen wollen, suchen sie sich einen prominenten Punkt in Hafennähe (einen Leuchtturm z.B.) und steuern ihr Boot darauf zu. Das System, in dem sie sich bewegen, hat zwei Komponenten – Wind und Strömung – deren Dynamik sie schnell herausfinden, denn das Boot wird abgetrieben, was sie am Auswandern des Leuchtturms erkennen können. Alles, was sie tun müssen ist, das Boot so zu steuern, dass der Leuchtturm nicht mehr auswandert. Sie befinden sich in einem System, das einfach und stabil ist. Sie entscheiden nach dem Ursache-Wirkung Prinzip.

Zweites Beispiel: Das System ist einfach und instabil
Sie spielen mit ihren Kindern Mensch ärgere dich nicht. Das Spiel-System besteht aus den Komponenten vier Figuren, einem Würfel und den Mitspielern. Das System ist „einfach“. Wie sie sofort erkennen, sind zwei der Systemkomponenten nicht vorhersagbar. Der Würfel und die Mitspieler. Sie befinden sich in einem System, das einfach und prinzipiell nicht vorhersagbar ist. Entscheidungen können immer wieder nur nach dem Prinzip Versuch & Irrtum getroffen werden.

Drittes Beispiel: Das System ist komplex und stabil
Wirtschaftsunternehmen sind komplexe Systeme. Ihre Komponenten bestehen u.a. aus Management, Einsatz, Personal, Ausbildung, Finanzen, Logistik, Technik, Kundendienst und Marketing. Ihre Funktionalitäten und Interaktionen werden laufend überwacht. Dabei wird die tatsächlich erbrachte Leistung mit dem erwarteten Leistungs-Soll verglichen (Controlling). Abweichungen lösen Entscheidungen aus, die das System wieder im Sinne der Zielsetzung optimieren soll. Da sich dieses Konzept bewährt hat, geht man davon aus, dass Wirtschaftsunternehmen, obwohl komplex, stabile Systeme sind. Entscheidungen werden nach dem Prinzip Soll/Ist Vergleich getroffen.

Viertes Beispiel: Das System ist komplex und instabil
Nun kann es Situationen geben, in denen ein Unternehmen trotz aller Soll/Ist Entscheidungen instabil wird. Das Unternehmen macht keine Gewinne mehr und droht, in die Pleite zu gehen. In diesem Fall rät Peter Kruse den Verantwortlichen zum Musterbruch. Das bedeutet, dass die Entscheider ihr eigenes bisheriges Denken und Handeln in Frage stellen müssen. Die wichtigste Aufgabe von Führung besteht dann nicht mehr nur darin, kluge Management-Entscheidungen zu treffen, sondern Veränderung zum Besseren möglich zu machen. Das beinhaltet nach Kruse drei wesentliche Aufgaben. Erstens, die Intelligenz des Systems erhöhen. Das heißt durch radikale Vernetzung von Menschen Selbstorganisation zu ermöglichen. Zweitens, Sinn stiften (Antworten auf die Frage des Warum geben) und drittens, klare Ziele setzen.

Zum Schluss möchte ich auf das leidige Thema der Corona-Politik der Bundesregierung eingehen. Dabei geht es mir nicht darum zu kritisieren, sondern allein darum, das bisher Dargestellte anzuwenden und Fragen zu stellen. Zu welcher Meinung der Einzelne dabei kommt, bleibt ihm selbst überlassen. – Ein Staat ist sicherlich ein komplexes System. Seine Komponenten spiegeln sich in den verschiedenen Ministerien wider. Ihre Funktionalitäten und Interaktionen sind durch Gesetze und Vorschriften geregelt und grundsätzlich vorhersehbar. In normalen Zeiten kann der Staat sicherlich als ein stabiles System angesehen werden. Mit der Corona-Pandemie, die spätestens seit März dieses Jahres die Agenda der Bundesregierung beherrscht, hat sich das geändert. Es waren Entscheidungen notwendig geworden, die außerhalb jeder Regierungsnormalität waren und sind. – An dieser Stelle möchte ich an die erste Pflicht eines Bundeskanzlers erinnern. Im Antrittseid heißt es: Die eigene Kraft „… dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, ….“ – Vor dem Hintergrund dieser Zielsetzung möchte ich folgende Fragen stellen. In welcher der 4 Entscheidungs-Situationen nach Kruse befand sich das „Staatsschiff“? – In welcher hat sich die Bundesregierung gesehen? – In welcher befinden wir uns heute? – In welcher sieht sich die Bundesregierung heute? -Die getroffenen Maßnahmen lassen darauf schließen, dass die Verantwortlichen und ihre Berater davon ausgehen, in einem komplexen und stabilen System zu handeln. Sie treffen Soll/Ist-Entscheidungen (Fallzahlen/Kapazitäten im Gesundheitssystem). Da stellen sich für mich zum Abschluss zwei Fragen. Erste Frage: Wenn dieser neue Lock-Lockdown keine Besserung im Soll/Ist Vergleich bringt, ist es dann nicht Zeit für einen Musterbruch? Zweite Frage: Wie könnte ein solcher Musterbruch aussehen?

Bleibt bei mir die Erkenntnis, dass Zielerreichung im Sinne des Amtseids (das Wohl des Deutschen Volkes) nicht möglich ist. Wie heißt es so weise? – Der Weg ist das Ziel.

 

 

 

 

 

 

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