Kein Unwort, sondern treffliche Umschreibung des Unternehmens-Alltags

 

 

Die Ich-AG bezeichnet ein Einzelunternehmen, das von einem Arbeitslosen gegründet worden ist, der für diese Existenzgründung einen Existenzgründungszuschuss (im Folgenden: Zuschuss) erhält. (Wikipedia)

Noch im selben Jahr der Wortschöpfung (2002) durch die Hartz-IV-Verantwortlichen wurde der Begriff durch die Jury ´Sprachkritische Aktion` zum Unwort des Jahres erklärt. Er würde einen schwierigen sozialen und sozialpolitischen Sachverhalt mit sprachlicher Kosmetik schönreden (Wikipedia). Für mich weist der Konflikt, der in diesen Geschehnissen zum Ausdruck kommt, auf ein latentes Problem hin, das im Arbeitsalltag von Unternehmen anzutreffen ist. Mitarbeiter in allen Ebenen verhalten sich wie eine Ich-AG. Die Erklärung des Begriffs macht das deutlich. Eine AG ist eine funktionale Organisationsform, die mit persönlichem beschränkten Mitteleinsatz maximalen Gewinn erzeugen soll. ICH steht für die Selbstbezüglichkeit eines Menschen, die weit mehr beinhaltet, als die Befriedigung materieller Bedürfnisse. ICH hat Gefühle, die, einfach ausgedrückt, zwischen den Antipoden Angst und Liebe hin und her schwanken. In diesem Sinn ist der Mitarbeiter eines Unternehmens eine ICH-AG, weil er durch seinen persönlichen Mitteleinsatz (Ausbildung, Kompetenzen und Erfahrung) für sich maximalen Gewinn erzeugen will (Gehaltserhöhung, Prämien, Beförderung, Marktwert). Auf der ICH-Seite dominiert die Angst, die Angst, den Job nicht zu bekommen, die Angst, nicht leistungsgerecht bezahlt zu werden, die Angst, nicht befördert zu werden, die Angst, dass ein anderer besser eingeschätzt werden könnte als man selbst und nicht zuletzt die Angst, bei den nächsten Personaleinsparungsmaßnahmen seinen Job zu verlieren. Das hat zur Folge, dass das Agieren von Managern und Mitarbeitern letztlich auf Angstvermeidung ausgelegt ist. Inwieweit sich eine Kultur der ICH-AG negativ auf die Produktivität eines Unternehmens auswirkt, lässt sich m.E. nur schwer messen. Nichtdestotrotz hat man im modernen Personalmanagement die Wichtigkeit des ICH erkannt und ist bemüht, die menschliche Komponente der Mitarbeiter im Funktionsprozess einzubeziehen. Stichwort: Aus- und Weiterbildung der Soft Skills. Sie kann aber das Problem Angst, wie beschrieben, nicht lösen, dient sie in letzter Konsequenz auch nur der Erhöhung von Funktionalität. Wie man an das Angst-Problem herankommt, darüber schreibt der Göttinger Hirnforscher und Philosoph Gerald Huether in seinem Buch „ Biologie der Angst – Wie aus Stress Gefühle werden“. Er kommt zu dem Schluss, dass das einzige wirkungsvolle Mittel gegen Angst Liebe ist.

Jetzt werden Sie zurecht fragen, wie man in ein Unternehmen, dessen Personalmanagement auf Funktionieren zum Zweck der Gewinnmaximierung ausgelegt ist, Liebe hineinbekommt. Schon in der Fragestellung liegt das Problem. Man kann in Menschen nichts hineinbekommen, es sei denn über Dressur, also nach dem alt-bewährten System „Zuckerbrot und Peitsche“ oder, in der Sprache der Psychologie ausgedrückt, durch Verhaltenstraining. Dieser Kultur der Angst ist der Mensch in unserer Gesellschaft seit Schulzeiten ausgesetzt. Man hat gelernt, für das Gemessen-werden zu arbeiten. Die schlechten ins Kröpfchen, die guten ins Töpfchen. „Liebe“ in ein Unternehmen hineinzubekommen bedeutet Kulturveränderung. Die kann man nicht projektieren, um sie dann einzuführen. Sie ist ein langwieriger Prozess. Wie der aussehen könnte, darüber möchte ich Ihnen am Ende ein paar konkrete Gedanken näherbringen. Die kann man aber nur verstehen, wenn klar ist, was das ist, was eine neue Unternehmenskultur ausmachen soll.

Nach über 30 Jahren Sozialisation als Offizier, habe ich gelernt, dass Führung immer Menschenführung ist. Wer Menschen führen will, muss sie lieben. Das bedeutet, dass man sie in ihrem ICH-Sein ernstnimmt. Das bedeutet nicht nur Fürsorge im funktionalen und sozialen, sondern vor allem im geistigen. Stichwort: Bildung. In Unternehmensphilosophien kann man wohl formuliert über Werte, Moral, Ethik, Menschenwürde und Gemeinschaft lesen. Aber was bedeuten sie? Wo kommen sie her? Was haben sie mit mir und meiner Welt zu tun? Was bedeuten die Grundrechte in unserer Verfassung? Darf eine demokratische Regierung sie außer Kraft setzen? Was ist Gewissen?  Was ist Zivilcourage?  Wann darf ich und wann muss ich Widerstand leisten (gegen die Regierung aber auch gegen die eigene Unternehmensführung)? Führung, die ihre Mitarbeiter so „anzündet“, beweist, dass sie keine Angst hat (vor kritischen Geistern). Damit erfüllt sie ein eigenes Kriterium von guter Führung. Vorleben. Womit ich zur Umsetzung von Bildung in einem Unternehmen komme.

Aus- und Weiterbildung müssen weiterhin ihren Platz haben. Zusätzlich sollten Bildungsevents stattfinden. Die dürfen nicht an irgendwelchen Lernziel-Taxonomien (Objectives, Überprüfungen usw.) orientiert sein, sondern sollten von interessanten Menschen gestaltet werden, die das Oberthema durch spannende Ereignisse aus der Geschichte oder ihrem Leben vorstellen und zur Diskussion bringen. Im weiteren Verlauf eines Bildungsprogramms könnte man auch über eine Literaturliste Bücher zur Wahl stellen, aus denen Mitarbeiter auf freiwilliger Basis eine Buchbesprechung vorstellen, die dann Aufhänger für Diskussionen wäre. Unabdingbar für das Gelingen einer solchen Kulturveränderung ist, dass für Bildungs-Events Zeit zur Verfügung gestellt wird und die Diskussionen nicht nur auf den Event beschränkt bleiben. Hier sehe ich eine weitere Vorbildfunktion der Führungspersonen. Sie müssten sich die Zeit nehmen und auch an den Events teilnehmen und nicht nur das. Sie sollten auch im täglichen zur Diskussion animieren und vor allem sich stellen. Mitarbeiter, die sich so wahrgenommen fühlen, fühlen sich geliebt. Und da Liebe die Antipode zu Angst ist, besteht die Chance, dass auch im funktionellen des Alltags die Unternehmensziele Motiv allen Handelns sein werden und nicht Angst (siehe Huether).

Sollten jetzt Bedenken aufkommen, dass der angepasste Mitarbeiter einfacher zu handhaben sei als der kritische Querdenker, dem möchte ich mit einer Weisheit des preußischen Generalfeldmarschalls Helmut Graf von Moltke antworten. „Es ist sicher leichter eine Herde Schafe zu hüten als ein Rudel Löwen. Aber mit Löwen hat man mehr Wirkung am Feind!“

 

 

 

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