„I have a dream“

 

 

Krieg ist kein Management Projekt zur Gewinnmaximierung. Soldaten sind keine Ressource, die es gilt, aufs Töten bzw. nicht getötet werden zu optimieren, und, der Wille zum Krieg ist auch keine Angelegenheit einer PR-Kampagne. – Diese drei Sätze provozieren natürlich, implizieren sie doch, dass das Gegenteil wahr ist. Ich überlasse es Ihnen, die Kriege des Westens nach Ende des Kalten Krieges unter diesen drei Prämissen zu bewerten. Meine militärische Sozialisation lässt keinen anderen Schluss zu. Bei uns im Westen gilt: Krieg ist ein Management Projekt. Soldaten sind eine Ressource, und die Menschen wollen eigentlich keinen Krieg. Als meinen Sekundanten möchte ich einen US amerikanischen Militärexperten zitieren. Dr. Edward A. Smith hat in seinem Buch „Effects Based Operations“ (US-amerikanische) Kriege untersucht und seine Lehren in einer mathematischen Formel zusammengefasst. Erfolg im Krieg ist das Produkt aus Kriegsmittel (Rüstung und Soldaten) und des Willens zum Quadrat, diese einsetzen.

Erfolg = Mittel x Wille ²

Ich erspare mir an dieser Stelle eine Reflexion darüber, was militärischer Erfolg ist und wie Streitkräfte aufgestellt und ausgerüstet sein müssen, um „erfolgreich“ zu sein. Vor dem Hintergrund der verschwommenen politischen Ziele in den Kriegen nach dem kalten Krieg sind Aussagen darüber letztendlich immer nur ein Glaubensbekenntnis. Zustand, Einsatz und Erfolg der Bundeswehr in den sogenannten Out of Area Einsätzen der letzten 30 Jahren sind meine Zeugen. Ich möchte im Folgenden Ihre Aufmerksamkeit auf den Faktor „Wille“ lenken. In Bezug auf Krieg bedeutet er doch nichts anderes, als das man bereit ist zu akzeptieren, dass die eigenen Soldaten töten bzw. getötet werden können. Politiker und Medien verschleiern immer wieder bewusst diesen schrecklichen wie einfachen Sachverhalt. Stattdessen erfindet man „Bedrohungen“ und bemüht Generale, Beamte und Juristen, um durch das Herbeireden von Legitimität und Legalität den „Willen“ zum Krieg zu erzeugen. Im Angesicht von zusammengenommen über 130 Millionen Opfer aus den größeren Kriegen der letzten 200 Jahre (Wikipedia) kann doch ernsthaft kein intelligenter Mensch mehr wollen, dass, aus welchen Gründen auch immer, Krieg geführt wird. Ich stelle daher die banale Frage: Wie lässt sich Krieg ein für alle Mal verhindern? Die Lösung wäre ganz einfach. In einer kleinen Geschichte über einen jungen Soldaten aus dem amerikanischen Bürgerkrieg habe ich sie gefunden. Ich habe die entscheidende Textstelle aus dem Englischen übersetzt:

Am nächsten Morgen war er in die Stadt gelaufen, die sich in der Nähe der Farm seiner Mutter befand und hatte sich bei einer Kompanie einschreiben lassen, die gerade aufgestellt wurde. Als er zurück nach Hause kam, molk seine Mutter gerade die buntgescheckte Kuh. Vier weitere standen abseits und warteten. „Ma, ich habe mich einschreiben lassen“, hatte er schüchtern gesagt. Für einen Moment war Stille. „Der Wille des Herren wird geschehen, Henry“, hatte sie geantwortet und dann fuhr sie fort, die buntgescheckte zu melken. Als er im Hausflur stand mit seinen Soldatensachen auf dem Rücken und das Leuchten der Aufregung und Erwartung in den Augen das Bedauern um das Loslassen des Zuhauses fast verdrängt hatte, wurden ihm zwei Tränen gewahr, die ihre Spur auf dem verhärmten Gesicht seiner Mutter hinterlassen hatten. Dennoch, er fühlte sich von ihr enttäuscht, hatte sie mit keinem Wort etwas über eine ruhmreiche Rückkehr mit seinem Schild oder auf seinem Schild gesagt. Er hatte sich im Stillen auf eine wunderschöne Szene vorbereitet und sich passende Sätze überlegt, die er der Rührung wegen gesagt hätte. Aber ihre Worte zerstörten seine Absicht.

Sie hatte beharrlich weiter Kartoffeln geschält und ihm dann Folgendes gesagt: „Sei vorsichtig, Henry und pass gut auf Dich auf. Glaube bloß nicht, Du könntest die gesamte Rebellenarmee mal eben so besiegen. Das kannst Du nicht. Du bist einfach nur ein kleiner Bursche unter vielen anderen. Halte einfach Deinen Mund und tue, was man Dir sagt. Ich weiß, wie bist, Henry. Ich habe Dir acht Paar Socken gestrickt, Henry und Dir Deine besten Hemden eingepackt. Ich möchte, dass Du warm und bequem angezogen bist, wie jeder andere in der Armee auch. Wann immer sie Löcher bekommen, möchte ich, dass Du sie mir schickst, damit ich sie flicken kann. Und sei vorsichtig bei der Wahl Deiner Freunde. Es gibt viel schlechte Männer in der Armee, Henry. Die Armee macht sie wild, und sie machen sich einen Spaß draus, junge Burschen wie Dich zu verführen, die eine Mutter gehabt haben, die ihnen nicht beigebracht hat zu trinken und zu fluchen. Halt Dich von solchen fern, Henry. Ich möchte, dass Du nie etwas tust, Henry, wofür Du Dich schämen würdest, wenn ich es wüsste. Denk immer so, als wenn ich bei Dir wäre. Wenn Du das beherzigst, wirst Du keinen Schaden nehmen. Und denke immer auch an Deinen Vater, Junge, er hat nie in seinem Leben einen Tropfen Alkohol getrunken und hat selten einen falschen Eid geschworen. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll, Henry, außer, dass Du, mein Kind, nie wegen mir ein Drückeberger sein darfst. Und sollte es einmal so sein, dass Du getötet wirst oder etwas Böses tust, Henry, denke nichts anderes, als das was Rechtens ist, denn viele Frauen müssen heute so etwas ertragen, und der Herr wird uns alle schützen. Vergiss nicht, was ich Dir wegen der Socken und Hemden gesagt habe, Kind; und ich habe Dir noch ein Glas Blaubeermarmelade in Deinen Rucksack getan. Ich weiß, dass Du sie am liebsten magst. Auf Wiedersehen, Henry. Pass auf Dich auf und sei ein guter Junge.

Unter der Qual dieser Rede war er natürlich ungeduldig geworden. Sie war nicht so, wie er sie erwartete hatte, und er hatte sie mit einem Hauch von Unsicherheit über sich ergehen lassen. Er machte sich auf den Weg mit einem vagen Gefühl der Erleichterung. Als er sich an der Pforte umdrehte und nochmal zurückschaute, hatte er seine Mutter zwischen den Kartoffelschalen knien sehen. Ihr braunes Gesicht, was aufschaute, war Tränen übersät und sie zitterte am ganzen Körper. Er senkte den Kopf und lief weiter, plötzlich voller Scham über seine Beweggründe. – (Stephen Crane, The Red Badge of Courage, Seite 5)

Im US-Amerikanischen Bürgerkrieg haben Hunderttausende Mütter von Soldaten zweimal geweint. Das erste Mal, wenn ihr Kind in den Krieg zog, und das zweite Mal, wenn es nicht mehr zurückkam. Unzählige Mütter in Kriegsgebieten weinen bis heute aus denselben Gründen, jetzt gerade wieder in Palästina. Wenn wir Krieg endlich abschaffen wollen, sollten wir nicht Müttern die Kontrolle über die Kriegs-Gleichung geben? – Erfolg = Mittel x Wille ². Der Faktor „Wille“ würde dann nämlich auf null gehen. Null zum Quadrat multipliziert mit den Mitteln ergibt null. Der Wert der rechten Seite wäre null und damit auch der Wert der linken Seite. Der Erfolg eines Krieges wäre null. Es gäbe keinen Grund mehr, einen zu führen. – Sie glauben, dass das so nicht geht? – Nun, das haben Zeitgenossen von Mahatma Gandhi, Willi Brandt und Martin Luther King auch gedacht, als diese drei großen Männer der Menschheitsgeschichte sich anschickten, Frieden ohne Krieg zu schaffen. Ich bin sicher, dass alle drei von dem Satz beseelt waren, den Martin Luther King in seiner berühmten Rede beschworen hatte: I have a Dream.

 

 

 

 

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