Wenn du einen Menschen ändern willst, ändere deine Gedanken

 

Kopfabschneider, Vergewaltiger, Kindermörder, es gibt sicherlich noch ein paar mehr gruselige Bezeichnungen für die, die sich „Islamischer Staat (IS)“ nennen. Aus rechtlichen und moralischen Gründen kann und darf man mit solchen Menschen nicht verhandeln. IS Terroristen gehören gefangengenommen und nach Den Haag überstellt oder bombardiert. Wohl die meisten Menschen bei uns sind dieser Ansicht. Einige wünschen sich, dass auch mit dem syrischen Diktator Assad so verfahren wird. Da das Gefangennehmen aus bekannten Gründen keine praktikable Variante ist, bleibt nur das Bombardieren. Ist es möglich, auf diese Weise den IS zu vernichten oder Syrien von der Diktatur zu befreien? – Ein „Facts-Check“ in die Kriegsgeschichte legt nahe, dass die Antwort auf diese Fragen Ansichtssache ist. Eines ist jedoch sicher. Die kriegerische Variante wird auf unbestimmte Zeitdauer noch vielen unschuldigen Menschen das Leben kosten und könnte bei der konkurrierenden Interessenlage der Großmächte leicht zu einem 3. Weltkrieg führen, bei dem es keinen Sieger geben wird. Damit machen Gewissen und Vernunft die gewaltfreie Konfliktlösung zum kategorischen Imperativ und verpflichten uns zu Verhandlungen mit allen Konfliktparteien, auch mit dem IS.

Der Erfolg solcher Verhandlungen liegt m.E. nicht so sehr in der Einsichtsfähigkeit des Gegners und dessen Bereitschaft, Kompromisse zu machen, sondern zuerst einmal allein in unserer Bereitschaft und Fähigkeit, unser eigenes Denken als Teil des Problems zu begreifen. Denn erst wenn wir unser eigenes Denken durchschauen, besteht die Chance, deren Denken zu verstehen und damit die berühmten „Griffe“ an das Problem zu bekommen. Diese andere Art zu denken hat man unter der Bezeichnung „Kybernetik der 2. Ordnung“ zusammengefasst. Am Beispiel „Verhandlungen mit dem IS“ möchte ich sie Ihnen exemplarisch näherbringen.

Allgemeinhin wird die Ursache für die Aggressivität des Islamischen Staates in einem islamischen Fundamentalismus gesehen. Wie sollte es auch sonst sein?! Sie selber erklären sich so. Ich steige aus dieser „handlichen“ Erklärungsweise aus, weil sie zu der KO Alternative führt: Entweder wir töten euch, oder ihr tötet uns. Stattdessen möchte ich mich darum bemühen herauszufinden, wie sie denken und warum. Eine nähere Betrachtung der Führungspersonen bietet sich an.

Es sind ehem. Offiziere der irakischen Armee Saddam Husseins, die der Mehrheit der Sunnis angehören. Sie hatten zwei Kriege verloren, 1991 und 2003, ohne sich im Kampf beweisen zu können und waren dann mit Schimpf und Schande aus der neuen (Schiiten/Kurden dominierten) irakischen Armee entfernt worden. Offiziere, die einen Krieg verlieren und denen man ihren Stolz nimmt, können Kriegs-gefährlich werden, nicht nur in Diktaturen, wie ein französisches und ein amerikanisches Beispiel zeigt.

Am 13. Mai 1954 endete die französische Herrschaft über Indo-China mit der katastrophalen Niederlage der Franzosen in der Schlacht um die Festung Dien Bien Phu. Die französische Regierung konnte solche Opfer und Niederlagen vor der eigenen Bevölkerung nicht mehr rechtfertigen und „vertrug“ sich mit dem Feind. Von 15 000 Mann Besatzung waren 3500 gefallen. 10 000 gerieten in Gefangenschaft. Ab August 1954 kehrten ganze 3900 zurück nach Frankreich. Sie kamen gerade rechtzeitig. Im November 1954 begann der französische Algerienkrieg.

Dieselben Offiziere, die in Indochina geblutet und verloren hatten – den Krieg, das Selbstwertgefühl und ihren Stolz – bekamen eine neue Chance. Dieses Mal, hatten sie sich vorgenommen, sollten die Anderen bluten, und sie würden gewinnen … den Krieg, das Selbstwertgefühl und ihren Stolz. Sie gewannen und verteidigten diesen Sieg mit allen Mitteln. Als Charles de Gaulle im Rahmen seiner Friedensbemühungen den Verlierern, der algerischen FLN, die Unabhängigkeit versprach, putschten französische Generale gegen ihren Präsidenten. Sie waren nicht bereit, Selbstwertgefühl und Stolz noch einmal zu opfern.

Ähnlich ging es dem US-amerikanischen Offizierskorps fast genau 10 Jahre später. Von 1965 bis 1973 hatten die USA in Vietnam Krieg geführt. 58 000 Amerikaner waren dabei ums Leben gekommen. Als die amerikanische Regierung die Opfer vor der eigenen Bevölkerung nicht mehr rechtfertigen konnte, trat sie mit Nordvietnam in Friedensverhandlungen. 1973 einigte man sich auf ein vertragliches Ende des Krieges und zog ab. Der Abzug wurde vielerorts als panische Flucht wahrgenommen. Zwei Jahre später endete der Krieg schließlich mit dem totalen Sieg des kommunistischen Nordens.

Für das amerikanische Offizierskorps war der Krieg und sein Ende ein Alptraum. Bis heute glauben viele Offiziere, dass sie den Krieg hätten gewinnen können, wenn die Politik und eine “linke” Presse sie nicht daran gehindert hätten. Trotz alle Bemühungen des Pentagon, durch Attraktivitätsmaßnahmen und Symbolismus das Ansehen des Offiziersberufes zu steigern, brauchte es aber erst einen Sieg im Krieg, um Selbstwertgefühl und Stolz wieder herzustellen. *

Die erste Gelegenheit bot sich mit dem zweiten Golfkrieg 1991 und der Befreiung Kuweits (Desert Storm), die zweite mit der Eroberung des Irak 2003. Beide Male endeten mit beeindruckenden Siegen über die irakischen Streitkräfte Saddam Husseins. Man könnte heute die bange Frage stellen, wie das US Offizierskorps den ruhmlosen Abzug aus dem Irak in 2011 verkraftet hat und welcher Krieg wohl sein nächster sein wird.

Wie das französische als auch das amerikanische Beispiel zeigt, kann eine Niederlage im Krieg Offiziere so nachhaltig negativ beeindrucken, dass sie einen Krieg brauchen, um wieder Selbstwert zu empfinden. Gleiches könnte man für die ehem. irakischen Offiziere Saddam Husseins und heutigen Führungspersonen des IS annehmen. Der Islam und ihre Sunni-Zugehörigkeit boten ihnen ideale Voraussetzungen, um den IS zu gründen und einen heiligen Krieg zu beginnen. Vielleicht könnten wir diesen Krieg beenden, wenn wir bei den Führern des IS Selbstwertgefühl und Stolz ansprechen würden. Das wäre zum Beispiel möglich, wenn man mit ihnen Verhandlungen führt. Genau so etwas hatte Charles de Gaulle schon einmal getan, als er 1958 als frischgewählter französischer Ministerräsident der algerischen Befreiungsorganisation ALN (heute würden wir sagen: Terroristen) in seiner berühmten Rede von Constantine den “Paix de Braves” (den Frieden der Mutigen) angeboten hat.

Hier schließt sich der Kreis meines kleinen Exkurses. Er sollte auf keinen Fall als Blaupause für erfolgreiches politisches Handeln im Nahost-Konflikt verstanden werden, sondern lediglich eine Einführung in das Denken der 2. Ordnung sein. Ich wollte damit die bei uns geführte Diskussion über den Nahost-Konflikt aus der KO Alternative Nichtstun oder Krieg „herausdenken“. Ich hoffe, es ist mir ein wenig gelungen.

 

 

 

* In Diskussionen mit amerikanischen Offizierskameraden ist mir immer wieder die Emotionalität über den verlorenen Vietnamkrieg und die Euphorie nach dem Sieg gegen den Irak in der Operation “Desert Storm” besonders aufgefallen. Ich habe meine Gesprächspartner darauf angesprochen. Der eine oder andere hat mir dann eingestanden, wie sehr durch die Niederlage in Vietnam das Selbstwertgefühl im US Offizierskorps gelitten hatte und wie wichtig der Sieg in “Desert Storm” gewesen war. “We are the best”. Das wollten sie bestätigt wissen.