… wenn er nicht geführt wird.

 

 

Kriege werden nicht gewonnen, sondern verloren. Die Seite, die mehr katastrophale Fehler begeht, verliert. Zu dieser Feststellung kommt der britische Historiker Thomas Pakenham in seinem Werk über den Burenkrieg (The Boer War). Nach über 14 Jahre „War on Terror“, den die USA nach den Angriffen von 9/11 erklärt hatten, ist ein Sieg immer noch nicht in Sicht. Die Ereignisse scheinen dem Briten recht zu geben. Invasionen und Besetzungen von Schurkenstaaten, Bombenkriege, die Bewaffnung von „freundlichen“ Bürgerkriegsparteien, gezielte Tötungen, spezielle Gefangenenlager für „Terroristen“, Folter und nicht zuletzt die vereinten Aktivitäten eines gigantischen Sicherheitsapparat im Heimatland konnten den „War on Terror“ bis heute nicht gewinnen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Westliche Kriegshandlungen haben bestehende Aufstände noch weiter angeheizt und zu noch mehr Terroraktionen geführt. Immer mehr junge Menschen in westlichen Ländern treten zum islamischen Glauben über und gehen nach Syrien und in den Irak, um sich den Kräften des Islamischen Staates anzuschließen und für einen Gottesstaat zu kämpfen. Was macht der Westen falsch? Trotz materieller und ideeller Überlegenheit scheint er den „War on Terror“ zu verlieren.

Der militärische Erfolg nach den Anschlägen hatte die Welt beeindruckt. In wenigen Wochen vernichtete amerikanische Feuerkraft die Truppen der afghanischen Taliban. 1 ½ Jahre später ereilte dasselbe Schicksal die irakischen Streitkräfte des Diktators Saddam Hussein.  Die Supermacht USA ist unangefochten Weltmeister auf dem Gebiet der symmetrischen Kriegführung. Zwei gewonnene Weltkriege sprechen für sich (Fig.1).

 

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Wie wir heute wissen, waren die militärischen Siege in Afghanistan und im Irak nur kurzlebig. Symmetrische Kriegführung vermag zwar Armeen zu besiegen aber nicht Glauben und Kampfgeist. Die Besiegten gingen in den Untergrund, organisierten sich neu und konzentrierten ihren Kampf auf asymmetrische Kriegführung. Deren Ausprägung ist aber nicht mehr so wie früher, wie wir es von den Guerillas Süd- und Mittelamerikas oder vom Vietkong im Vietnamkrieg kennen. Die neue asymmetrische Kriegführung ist besonders bösartig. Osama bin Laden hat sie erfunden, und der „Islamische Staat (IS)“ hat sie perfektioniert. Ihre Hauptwaffe ist der Terror. Er soll den Willen des Westens brechen (Fig.2).

 

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Ist diese neue Kriegsführung erfolgreich? – Die Antwort hängt davon ab, wie man “Wille” definiert. In unserem Modell – es entspricht westlicher Kriegsphilosophie – geht es um den Willen Kriegs-„Mittel“ einzusetzen. Die Gegner in dieser neuen asymmetrischen Kriegführung verstehen unter „Wille“ etwas anderes. Sein Wesen besteht aus Glauben und Kampfgeist. Der „Wille“ des IS entspringt den Regeln des Islam und der Ideologie eines Gottesstaates. Der IS sieht den „Willen“ des Westens in Demokratie und Humanität verankert. Terror ist sein Mittel, um Demokratie auszuhöhlen und Menschlichkeit zu zerstören. Damit sind sie bis heute ziemlich erfolgreich, wie die Realität beweist. Brutale Enthauptungen, die publikumswirksam ins Internet gestellt werden, erzeugen in der zivilisierten Welt Abscheu und Aggression. Die Öffentlichkeit ist entsetzt und empört. Man erwartet von den politisch Verantwortlichen, dass sie Stärke zeigen. In der Folge kommt es zu mehr gezielt Tötungen und Intensivierung der Bombenangriffe und damit einhergehend zu einem Zunehmen der Kollateralschäden (getötete und verwundete muslimische Zivilpersonen). Das wiederum provoziert terroristische Straftaten durch heimische Muslime in westlichen Ländern, was wiederum zu schärferen Gesetzen und einer Ausweitung polizeilicher und geheimdienstlicher Befugnisse führt. Damit nimmt die Aushöhlung der Demokratie ihren Fortgang. Sowieso schon frustrierte junge Menschen wenden sich endgültig von ihrer eigenen Kultur ab, treten zum islamischen Glauben über und sind leichte Ziele für IS Werber.

Krieg ist ein Kampf der „Willen“, schreibt Clausewitz. Der „War on Terror“ ist ein Kampf der „Willen“. Kriege werden nicht gewonnen, sondern verloren, schreibt Thomas Pakenham. Wenn wir diesen Krieg nicht verlieren wollen, müssen wir dem Terror unseren „Willen“ entgegensetzen, und der besteht nicht aus Drohnen und Bomben und Notstandsgesetzen, sondern aus Demokratie und Menschlichkeit. Wenn wir diese Willensstärke zeigen, läuft jeder Terrorangriff nicht nur ins Leere, sondern schlägt zurück auf die Angreifer. Sie werden auf diese Weise sehr schnell jede Sympathie und moralische Unterstützung in der muslimischen Welt verlieren. Man könnte diese „Kriegführung“ zerometrische Kriegführung nennen (Fig. 3), denn sie verweigert einem Gegner den Krieg.

 

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Zerometrische Kriegsführung kennt auch die Offensive. Sie besteht darin, dass man in einer Konfliktregion diplomatisch und humanitär mit den „schwersten Geschützen“ auffährt. In einer solchen Strategie wäre militärische Macht rein defensiv und hätte ausschließlich eine unterstützende Funktion. Das strategische Denken und Planen für eine solche Kriegführung würde im Denken unserer Militärs endlich die Veränderung herbeiführen, die es braucht, um politisch nachhaltige friedliche Konfliktlösungen herbeizuführen. Clausewitz schrieb einst: Krieg ist ein Mittel der Politik. Wenn er gewusst hätte, wieviel Leid und Zerstörung der Krieg über Menschen gebracht hat und wie nutzlos er ist, hätte der General den Satz ergänzt: Wenn er nicht geführt wird.