Leben lassen oder leben lassen?

 

„Ich befehle euch nicht anzugreifen, ich befehle euch zu sterben!“ Kurz und knapp war der Befehl von Oberstleutnant Mustafa Kemal Atatürk an seine Männer, die Soldaten des türkischen 57. Infanterie Regiments, kurz vor dem Beginn der Schlacht von Gallipoli am 25. April 1915. Sie gehörten zu der improvisierten Verteidigungslinie der türkischen Armee, die den ersten Angriffsschwung des Feindes auffangen sollten. Der Feind bestand aus einem 500 000 Mann starken Expeditionsheer von Franzosen, Briten und Kolonialtruppen, die unter dem Schutz einer Armada von Kriegsschiffen auf der Halbinsel Gallipoli am westlichen Eingang zu den Dardanellen angelandet werden sollten, um von dort aus auf die türkische Hauptstadt Istanbul zu marschieren und sie einzunehmen.

Atatürks Befehl mutet heute grausam und Menschen verachtend an. Sie ist aber nicht einer besonders martialischen osmanischen Militärkultur zuzuschreiben, sondern entspricht einer jahrhundertalten universellen militärischen Tradition, deren ideelle Verkörperung das antike Sparta war. Die Schlacht bei den Thermopylen 480 v.Chr., in der 300 Spartaner unter ihrem König Leonidas mehrere Tage lang einem gewaltiges Perserheer trotzten, steht heute noch als Sinnbild für militärische Pflichterfüllung bis in den Tod. Der Geist dieser Kriegerkultur überdauerte die Zeit und galt auch dann noch, als Maschinengewehre und moderne Artillerie den epischen Kampf auf dem Schlachtfeld vom Duellieren in ein blutiges Schlachten verwandelten. Mustafa Kemal Atatürk ist nur einer von vielen Protagonisten, die von ihren Soldaten das Sterben einforderten. Der Historiker Michael Howard schreibt dazu, dass zu Beginn des ersten Weltkrieges sich die Generäle auf allen Seiten einig waren: Erfolg auf dem Schlachtfeld hat nur der, der seine Soldaten besser darin ausbildet, wie man stirbt. Wenn jemand glaubte, mit einer Überlebensausbildung eine Schlacht zu gewinnen, der war verloren. Er hätte gar nicht erst in den Krieg ziehen dürfen (siehe Michael Howard, Men against Fire: the Doctrine of the Offensive in 1914 in Peter Paret, Makers of Modern Strategy from Machiavelli to the Nuclear Age)

Das jahrelange blutige Schlachten des ersten Weltkriegs mit Millionen von Toten führte bei Amerikanern und Briten zu einem radikalen Umdenken in den Militärkulturen. Massives strategisches Bomben des Aggressor- Landes und seiner Bevölkerung sollte einen zukünftigen Krieg in wenigen Tagen siegreich beenden. Diese Rechnung ging nicht auf, wie wir wissen. Auf dem Gefechtsfeld funktionierten die Bombardements. Vor jedem Angriff hat man den Gegner stundenlang aus allen Rohren und aus der Luft mit einer Feuerwalze überzogen. Dadurch wurden seine Kampfkraft und Moral dermaßen reduziert, dass amerikanische Verluste während einer Schlacht nie größer als 2% waren. Der Vietnamkrieg kam daher für das amerikanische Militär wie ein Schock. Trotz massivsten Einsatzes von Luftstreitkräften kostete er 58 000 Amerikaner das Leben und endete in einer Niederlage. Sie führte zu einer Konzentration aller militärischen und industriellen Potenziale, die 1992 in der Operation „Desert Storm“ endlich den zum Erfolg führten. In wenigen Wochen besiegten Satellitentechnik, Stealth, Cruise-Missiles und Smart Bombs eine der größten konventionellen Armeen der Welt. Amerikanische Verluste betrugen weniger als 500.

In sicherheitspolitischen Kreisen wurde der Begriff „Revolution in Military Affairs (RMA)“ geprägt. RMA versprach Überlegenheit, schnelle Siege ohne wesentliche eigene Verluste. Die Erfahrungen der letzten 20 Jahre scheinen den Erfolg der RMA zu bestätigen (Kosovo 1999, Afghanistan 2001, Irak 2003, Libyen 2011). Wenn da nicht die Kollateralschäden wären! – Durch den eigenen Waffeneinsatz Zivilpersonen zu verletzen oder zu töten ist durch internationale Konventionen verboten. Die billigende Inkaufnahme von auch nur einem zivilen Opfer verstößt unabhängig von juristischen Bewertungen gegen Moral und Ethik unserer Kultur. Bei militärischen Friedenseinsätzen (Peace-Keeping und Peace Enforcement) sowie zum Schutz von Bevölkerungen (Humanitäre Intervention) verstößt sie nicht nur gegen den Auftrag, sondern macht dessen erfolgreiche Erfüllung unmöglich.

Wenn wir aus unserer Geschichte irgendetwas gelernt haben, dann das: Militärische Einsätze der Neuzeit dürfen keine Siege erringen, sondern müssen Angst, Hass und Gewalt aus einem Konflikt herausnehmen. Das geht nur über nachhaltige Präsenz am Boden. Sie muss von einem Denken und Handeln des offenen Visiers geprägt sein. Gegen Störer gilt es, militärisch professionell aber immer die Verhältnismäßigkeit wahrend vorzugehen. Das Gleiche gilt sinngemäß für den Selbstschutz. Luftkriegsmittel, insbesondere Tötungsautomaten wie Kampfdrohnen, gehören in keine Friedensmissionen. Die alte Soldatentugend des Leben lassens ist längst Vergangenheit. Es wäre ein Zeichen von moralische Stärke, wenn wir sie mit einer Tugend des leben Lassens ersetzen würden. So gewinnt man „Hearts and Minds“, im Einsatzland und zuhause.