“Wir leben in einer Zeit vollkommener Mittel und verworrener Ziele. – Albert Einstein

 

 

 

Seit Monaten beschäftigen sich die Medien mit dem Superstar unter den westlichen Kampfflugzeugen, der F35. Sie gilt als heißester Nachfolger für die in die Jahre gekommenen F16 und Tornado Kampfflugzeuge bei den Luftwaffen der NATO. Fachleute und die, die sich für solche halten, streiten darüber, ob sie gegen die russische SU35 (Jagdflugzeug) eine Chance hätte und vergleichen sie kritisch mit der T50 (russisches F35 Pendant). Ich möchte mich auf diese Diskussion nicht einlassen, ist sie für mich Symptom der Verworrenheit, die im obigen Zitat beklagt wird. Man ignoriert die Lehren aus der jungen Luftkriegsgeschichte und diskutiert technische Leistungsparameter von Milliarden teuren Hochwertmaschinen, ohne den Bezug zu einer politischen Zielsetzung für deren Einsatz zu bedenken. Als ehemaliger Luftwaffenoffizier, der vom Tornado-Cockpit über die Planung von Luftkriegsoperationen bis hin zur Geschichte des Luftkrieges seine Teilstreitkraft sehr gut kennt, ist es für mich daher ein Bedürfnis, endlich einmal Klarheit in diese Verworrenheit zu bringen. Lassen Sie mich gleich voranschicken: Ich denke nicht, dass die Luftwaffe überflüssig ist. Trotzdem halte ich die klassischen Luftkriegsmittel (Kampfjets) in der Tat für senil, gefährlich, zu teuer und daher für überflüssig. Sie sind technisch ziemlich vollkommen, aber für die Ziele, die wir in unserer Sicherheitspolitik anstreben, vollkommen nutzlos. Um das zu verstehen, möchte ich Ihnen ein paar Fakten näherbringen. Zum Ersten, über die Geschichte der mächtigsten Luftwaffe der Welt, der US Air Force, und zum Zweiten, über das technische Gerät, dem sie ihre Existenz verdankt – dem Flugzeug. Ich beschränke meine Betrachtung auf die US Air Force, weil sie für alle konventionellen Luftwaffen dieser Welt und damit auch für die deutsche Luftwaffe von der Doktrin her (militärische Einsatzweisen des Flugzeugs) Vorbildcharakter hat.

Nach Ende des ersten Weltkrieges bemühten sich einige Visionäre des Luftkrieges um eine Strategie, die für alle Zukunft das jahrelange Sterben von Millionen von Soldaten in einem Grabenkrieg verhindern sollte. Einer von ihnen war Weltkrieg 1 Kampfpilot US Colonel Billy Mitchell. Seine Theorie war, in einem zukünftigen Krieg mit Hunderten von Bombern die Städte des Feindes mit Feuer, Chemie und Gas Bomben anzugreifen. Die Bevölkerung würde sich gegen die eigene Regierung wenden, war man sicher, und der Krieg wäre in wenigen Tagen zu Ende. Mitchell stellte zwei Forderungen auf. Erstens, eine Luftwaffe sollte als eigene Teilstreitkraft unabhängig von Armee und Marine gegründet werden. Zweitens, ein Bomberflugzeug sollte entwickelt werden, das Reichweite und Waffenzuladungsfähigkeit hatte, um strategische Bombardements durchführen zu können. Beide Forderungen wurden – zeitlich versetzt- erfüllt. 1935 hatte die B17 „Flying Fortress“ ihren Jungfernflug. Sie erschien wenige Jahre später Tag für Tag zu Hunderten über deutschen Städten, um Mitchells Theorie zu beweisen, dass nämlich ein strategischer Luftkrieg in kürzester Zeit einen Krieg entscheiden könnte. Es hat nicht funktioniert, wie wir wissen. Die Bombardements haben die deutsche Bevölkerung nicht in die Kapitulation gezwungen, sondern, im Gegenteil, zum Durchhalten motiviert. Bis heute ist die US Luftwaffe, die 1947 gegründet wurde, den Beweis schuldig geblieben, dass Luftstreitkräfte Kriege entscheiden können. Überall, wo die USA nach Ende des zweiten Weltkrieges allein oder mit Verbündeten einen Bombenkrieg geführt haben – Korea, Vietnam, Irak, Kosovo, Afghanistan, Libyen, Syrien – haben sie nicht gewonnen, denn gewonnen hat man nur, wenn klar formulierte politischen Ziele erreicht werden, und die waren und sind bis heute nachweislich verworren!  Da helfen auch keine neue Theorie und Präzisionswaffen, wie deren Premiere im 2. Golfkrieg (Desert Storm) 1991 gegen den Irak gezeigt hat.

Die neue Theorie ist bis heute gültig. Um meine Argumentation gegen den Kampfjet zu verstehen, ist es wichtig, dass Sie sie kennen lernen. Ihr Schöpfer und damit Visionär-Nachfolger von Billie Mitchell war US Air Force Colonel John A. Warden. Der besann sich auf die politische Zielsetzung von Krieg (siehe Clausewitz) und konstruierte den Feind in ein Ziele-System aus 5 Ringen (siehe Grafik).

 

 Warden

Wardens 5 Ringe-Theorie

 

Die Theorie besteht darin, bestimmte Ziele in den verschiedenen Bereichen (Ringen) so auszuwählen und präzise zu treffen, dass die gegnerische Führung aufgibt. Der KO-Schlag ist der, wenn man es schafft, die Führung zu „enthaupten“. (to decapitate ist der Fachausdruck in US Doktrin Papieren). Dann hat man sicher gewonnen. Nach diesem System wurde der Luftkrieg gegen den Irak 1991 und 2003 geplant und durchgeführt. Den Krieg hatte man so gewonnen. Ein politisches Ziel, hat man nicht erreicht. Fachleute sind sich heute einig. Die politischen Ziele waren verworren. Und man bleibt lernresistent, wie der NATO Luftkrieg gegen Libyen (2011), die US Luftkriege gegen die Taliban in Afghanistan (2001 bis heute), gegen den IS (2014 bis heute) und nicht zuletzt die seit Jahrzehnten andauernden israelischen Luftschläge gegen die Palästinenser beweisen. Die Kernsätze der Mitchell-Doktrin spuken dennoch unbeirrt weiter in den Köpfen von Luftwaffen-Generalen, Politikern und selbst-ernannten Fachleuten herum.

  1. Luftwaffen können Kriege gewinnen.
  2. Die neueste Flugzeug- und Waffentechnik macht es möglich.

Als Begründung bemüht man schon lange nicht mehr die Mitchell-Doktrin des Kriege-Gewinnens, sondern argumentiert bei der Entwicklung und Beschaffung von Kampfflugzeugen mit Bedrohungen (Terrorismus, Schurkenstaaten, Russland) und dem Vergleichen von Leistungsparametern anderer Kampfflugzeuge, wie Schuljungen in einem Kartenquartett. Man begreift nicht, dass man auf diese Weise die Luftwaffe grundsätzlich in Frage stellt. Denn ….

… Terroristen lassen sich nämlich nicht über das Warden-Modell „abarbeiten“. Die einzigen Ziele sind die Kämpfer selbst einschließlich deren Führungspersonen. Sie bewegen sich in der Bevölkerung wie Fische in einem Schwarm, so dass es fast unmöglich ist, sie aus der Luft auszumachen. Jeder Luft-Angriff auf sie ist mit großem Aufwand verbunden. Dabei spielt der Selbstschutz eine immer größere Rolle. Man greift nur noch aus mittleren und großen Höhen an, um nicht zu riskieren, im Tiefflug abgeschossen zu werden. Die Bomben treffen mit Präzision und manchmal auch Terroristen, all zu oft aber auch unschuldige Zivilisten. Die Effektivität eines modernen Kampfjets ist fragwürdig geworden. Der Aufwand, den man betreiben muss, um ihn irgendwie effektiv zu machen, steht in keinem Verhältnis mehr zu seiner Wirkung. Kampfjets sind senil geworden*.

… Schurkenstaaten kann man mit Kampfjets über das Warden-Modell zwar „abarbeiten“, wie die Beispiele Irak und Libyen gezeigt haben. Es ist aber vergebliche Mühe, wenn kein politisches Ziel dahintersteht bzw. dieses mit Luftkrieg nicht zu erreichen ist. Westliche Politiker greifen dennoch gern zu diesem „letzten“ Mittel, um Menschen vor Diktatoren zu schützen, wie sie sagen. Diktatorische Regime hat man auf diese Weise stürzen können, wie obige Beispiele belegen. Menschen wurden aber nicht geschützt. Durch das Machtvakuum hat man Bürgerkriege entfacht, die vielen Menschen das Leben gekostet hat bzw. zu Flüchtlingen gemacht hat. Man könnte sagen, dass die Flüchtlingswellen nach Europa u.a. durch den Einsatz von Kampfjets ausgelöst wurden. In diesem Sinne sind Kampfjets nicht nur in ihrer militärischen Wirkung gefährlich, sondern noch viel mehr in den Auswirkungen ihres Einsatzes, für die Menschen in der Einsatzregion und für uns.

Russland in einem Krieg über das Warden-Modell „abarbeiten“ zu wollen, wäre ein gefährliches Unterfangen. Die Russen würden gegen die NATO Länder eine ähnliche Strategie verfolgen. Das Ergebnis wäre ein Abnutzungskrieg, an dessen Ende entweder Verhandlungen stehen oder der nukleare Weltuntergang.

Für mich sind die Argumente überwältigend. Kampfjets sind senil, gefährlich, zu teuer und damit überflüssig. Die nüchterne Bewertung der Geschichte des Luftkrieges lässt keinen anderen Schluss zu. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass wir eine Luftwaffe brauchen, nicht um Kriege zu gewinnen oder Bedrohungen abzuschrecken oder zu bekämpfen, sondern um klar formulierte politische Ziele in der Außenpolitik zu unterstützen.  Wie Luftwaffen dazu beitragen können, darüber gibt es Beispiele aus der Geschichte des Luftkrieges. In einem der nächsten Artikel werde ich darüber schreiben.

 

*„The Future of War – Power, Technology and American World Dominance in the Twenty-first Century“,  George and Meredith Friedman

 

 

 

 

leadership loss
Die Bedrohung von innen: Führungslosigkeit

 

Als der damalige sowjetische Ministerpräsident Michael Gorbatschow den Warschauer Pakt auflöste, soll er in Richtung NATO Staaten gesagt haben: „Wir tun euch jetzt ganz etwas Schlimmes an. Wir nehmen Euch den Feind weg.“ Die Bedeutung seiner Worte ist bis heute nicht verstanden worden. Die Auflösung des Warschauer Paktes, das Öffnen der Grenzen und die Osterweiterungen von NATO und EU wurden als Ende eines großen Krieges in Europa verstanden und begrüßt. Nach zwei heißen und einem kalten Krieg sollte nun endgültig Frieden sein. Hochrüstung und Rüstungswettlauf waren überflüssig geworden. Die dadurch freiwerdenden Mittel in den Verteidigungsetats – man sprach von der „Friedensdividende“ – sollten nun endlich sinnvollen, friedlichen Aufgaben wie Bildung und Umwelt zugutekommen. Diese Rechnung ging für die Bundesrepublik Deutschland nicht auf. Das hatte verschiedene Ursachen. Besonders die Milliarden teuren Beschaffungsprogramme, die in den 80er Jahren, also noch während der Zeit des kalten Krieges, entschieden wurden, verschlingen bis heute so viel Geld aus dem Verteidigungsetat, dass ein geregelter Ausbildungsbetrieb nicht mehr bezahlbar ist und nur noch rudimentär bzw. über Simulation stattfindet. Die negativen Auswirkungen auf die Motivation in der Truppe kann man nur ahnen. Veränderungsbemühungen wie Transformation und Reform müssen scheitern, weil man nicht begriffen hat, dass die Hauptursache für die großen Probleme der Bundeswehr Führungslosigkeit ist.

Während des Kalten Krieges war die Welt stabil. Verteidigung wurden über Mengengerüste gemanagt (Truppenstärken gegen Truppenstärken, Panzer gegen Panzer, Flugzeuge gegen Flugzeuge usw.).  Als dann Gorbatschow den Warschauer Pakt auflöste und damit der NATO den Gegner wegnahm, der bisher der Maßstab aller militärischen Steuerungs- und Regelungsprozesse gewesen war, sahen sich die strategischen Analysten im Westen einer diffusen Bedrohungswelt gegenüber, die nicht zu greifen, geschweige denn vorherzusagen war.  Die stabile Bedrohungswelt des Kalten Krieges war instabil geworden. In einer solchen Welt funktionieren Management-Prozesse nicht mehr. In der Instabilität ist Führung gefragt. Das gilt für  Wirtschaftsunternehmen aber noch viel mehr für Streitkräfte. Kenner von Kriegsgeschichte wissen das. Wenn Soldaten im Chaos von Konflikt, Tod und Zerstörung ihren Auftrag durchführen sollen, ist es die Aufgabe von Führung, in 4 Rahmenbedingungen Vertrauen zu schaffen: In die Sinngebung, in die eigenen Fähigkeiten, in die Zielsetzung und in den Gruppenzusammenhalt (frei nach Oetting „Motivation und Gefechtswert“). Ohne auf jede Rahmenbedingung im Detail einzugehen, soll im Folgenden das Argument geführt werden, dass in allen 4 Bereichen die politische und militärische Führung der Bundeswehr versagt hat.

Anstatt nach dem Kalten Krieg wirkliche Veränderung anzugehen, nahm man Zuflucht im alten Denken. Man suchte Sinngebung über ein vereintes, militärisches Europa. Bedrohungen wurden formuliert, die einer neuen NATO und einer bestehenden Bundeswehr Existenzberechtigung verschaffen sollten. Es gelang nicht wirklich. Die Weiterverbreitung von Weapons of Mass Destruction (WMD), „Schurkenstaaten“ und Terrorismus reichten nicht aus, um Landesverteidigung mit neuem Sinn zu füllen und konventionelle Streitkräfte zu begründen. Man könnte es fast als tragisch bezeichnen, dass das geostrategische Denken von vorgestern in westlichen sicherheitspolitischen Kreisen schließlich zum „alten“ Feindbild zurückgeführt hat. Nachdem im letzten Jahr vor dem Hintergrund der Kriegsoperationen in Syrien das Pentagon Russland wieder an die Spitze seiner Bedrohungsliste gesetzt hatte, war die Welt in militärischen Zirkeln der NATO Staaten wieder „in Ordnung“. Als es dann aber um konkrete Beiträge zur Stärkung des NATO Bündnisses ging, bestätigte sich der langgehegte Verdacht, dass in der Bundeswehr gar nichts mehr in Ordnung ist. Die deutschen Streitkräfte waren schon lang nicht mehr einsatzbereit.

Kurzfristige Ad-hoc Maßnahmen wie die Erhöhung der Verteidigungsausgaben oder teure Zwischenlösungen, um Verzögerungen beim geplanten Zulauf von neuem Großgerät bzw. Einbrüche bei dessen Klarstand aufzufangen, beweisen, dass die Verantwortlichen nicht begriffen haben, dass das, was der Bundeswehr und der gesamten NATO verlorengegangen ist, weder gutes Management noch mehr Geld wieder zurückbringen kann: Eine operationelle Kultur. Eine solche basiert auf Vertrauen (siehe oben) und ist das Ergebnis von jahrelangem gemeinsamen Übens und Lernens

  • im Verbund mit Soldaten anderer Teilstreitkräfte (joint)
  • im Verbund mit Soldaten anderer Nationen (combined)
  • im Verbund mit zivilen Akteuren (comprehensive)

Gute Ausrüstung und Ausbildung sind Voraussetzungen für einsatzbereite Streitkräfte. Ohne eine gemeinsame operationelle Kultur sind sie jedoch für jede verantwortungsbewusste Sicherheitspolitik wertlos. Die Konsequenz, die eine einsichtige Führung daraus ziehen sollte, ist, entweder die Bundeswehr abzuschaffen und eine gewaltfreie Außenpolitik zu betreiben, wie die LINKE sie postuliert oder mit aller Macht die Bildung einer neuen operationellen Kultur zu fördern. Letzteres braucht Zeit. Vor allem aber braucht es eine weise Führung. Ob eine zukünftige Bundesregierung beides aufbringen kann, muss bezweifelt werden.

 

 

 

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