Verwirre mich nicht mit Fakten, wo ich doch weiß, dass ich recht habe.

 

 

Bei uns gilt das Primat der Politik, heißt ein gängiges Motto in Demokratien. Witzbolde haben diesen Satz etwas umformuliert. In der Demokratie werden Menschen von Primaten regiert. Mir liegt es fern, diesen Satz in irgendeiner Weise auf Politiker zu beziehen. Auch wenn man mit der einen oder anderen Politik nicht einverstanden ist oder Politiker Fehler machen, rechtfertigt das nicht solche sprachlichen Verunglimpfungen. Dennoch sehe ich einen Politikbereich, in dem zumindest das Verhalten von Politikern mit dem von Primaten, hier den Gorillas, vergleichbar ist. In der Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist das Aggressionsgebaren ähnlich dem von männlichen Gorillas. Es ist stark ritualisiert und soll den Konkurrenten abschrecken bzw. zum Einlenken veranlassen. Die klassische Droh-Haltung eines Gorilla-Anführers (Silberrücken) drückt sich in steifem vierfüßigem Stehen mit hoch erhobenem Kopf, gesträubten Haaren, gespreizten Beinen und einem leichten Hohlkreuz aus. Wenn das und auch andere Droh-Gebärden nichts nutzen und es doch zum Kampf kommt, beteiligen sich in der Regel auch andere Männchen. Solche „Show-downs“ können tödlich enden. Auslöser für solche Konflikte sind fast immer Streit um Futter oder um Weibchen. Man könnte beides die „vitalen Interessen“ einer Gorilla-Gruppe nennen. Genau diesen Begriff findet man auch in der „National Security Strategy (NSS) der USA wieder. Wir in Deutschland habe keine solche Strategie, aber wir haben, wie jeder Staat, natürlich vitale Sicherheitsinteressen. Dazu gehören u.a.  Demokratie, Unabhängigkeit, ungehinderter Zugang zu den Rohstoff-Regionen und sichere Handelswege. Um diese zu bewahren und vor Bedrohungen zu schützen, agiert eine Regierung in allen klassischen Handlungsfeldern der Politik, der Diplomatie, der Wirtschaft, der Kultur, der zwischenmenschlichen Beziehungen und nicht zuletzt der militärischen Gewaltanwendung. Da mag man sprachlich friedliebend daherkommen, Begriffe wie Verteidigung und Abschreckung sind Drohungen der Gewaltanwendung, die auch ein Interessen-Kontrahent für sich gleichermaßen in Anspruch nehmen wird. Wenn das Drohungsritual funktioniert, wird der Konflikt friedlich ausgehen. Wenn nicht, gibt es Krieg. Bei den Gorillas endet er mit ein paar toten Tieren. Beim Menschen kann er zu der Verwüstung von Ländern mit millionenfachen Opfern führen und im schlimmsten Fall sogar den Untergang der Menschheit zur Folge haben. Der Vergleich mit Gorillas hinkt natürlich. Gottseidank. Gorillas folgen einem Instinkt. Wir Menschen haben den Verstand und können reflektieren. Dazu möchte ich all jene einladen, die immer noch glauben, dass militärisches Drohgehabe (d.h. Rüsten und militärische Stärke zeigen) die eigenen vitale Interessen und die von anderen schützen könnte. Es ist unschwer erkennbar, dass ich auf den seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen Russland und den USA bzw. der NATO anspiele. Der ist ja kein neuer Konflikt, sondern die Fortführung des Kalten Krieges, ohne gelernt zu haben. Den Vorwurf mache ich all denen, die in diesem Konflikt Verantwortung tragen. Dazu rechne ich ausdrücklich auch die „Verteidigungsexperten“, die in den Medien diesen Konflikt – meistens ungewollt – schüren. Auf sie ist der Untertitel gemünzt.

Im Folgenden will ich weder das Verhalten der Regierung Russlands schönreden, noch soll eine pazifistische Position vertreten werden. Ich möchte Ihnen nur ein paar Fakten vorstellen, die diese Droh-Politik gegenüber Russland ad absurdum führen. Sie muss nämlich glaubhaft sein, und das ist sie nicht.

Für jedes militärische Manöver während des Kalten Krieges wurde ein Drehbuch geschrieben. Es beinhaltete eine fiktive Eskalation, vom Drohen (Abschreckung) bis hin zum Aufmarsch und den Beginn von Kampfhandlungen und das konkret in der Geografie von Europa. Nicht ein paar Bataillone und ein paar Dutzend Kampfflugzeuge und Schiffe wurden bewegt, sondern Divisionen, Geschwader und Staffeln von Kampfflugzeugen und eine Armada von Kriegsschiffen. Sie alle mussten stationiert und versorgt werden und in Vorbereitung auf den großen Schlagabtausch gemeinsam üben. Force Integration Training (FIT) nennt man das im Fach-Jargon. Wussten Sie, dass eine Panzerdivision (15 000 Mann) im Einsatz pro Tag ca. 4500 Tonnen Verbrauchsgüter braucht (nur Treibstoff, Munition und Wasser)? Die Bereitstellung, das heißt Lagerung in Depots sowie der Transport zu den Verbänden im Einsatz (per Schiene und Straße) musste geplant und konkret sichergestellt sein. Wenn Sie diesen Aufwand für eine Division auf die angetretenen Divisionen übertragen, muss jedem denkenden Menschen die Unmöglichkeit einer realistischen Umsetzung klar werden. Die Deutsche Bahn schafft ja noch nicht einmal, den Personenverkehr im Frieden zuverlässig zu gewährleisten. Aber wir haben ja unser wunderbares Autobahnnetz, mögen Sie einwenden. Wir konfiszieren tausende von LKW, die die dann die Versorgung unterstützen. Dabei vergessen sie aber die Millionen von PKW, mit denen die Menschen aus Mittel- und Osteuropa sich und ihre Familien gen Westen in Sicherheit bringen wollen. Der Verkehrskollaps, der dann unausweichlich wäre, würde jeden Stau zur Urlaubszeit wie ein Picknick erscheinen lassen. Wenn es dann zu Kampfhandlungen kommt, würde es zivile Opfer geben. Der Gegner wird ganz sicher mit „Stand-off“-Waffen (Raketen und Cruise Missile) wichtige Ziele wie Häfen, Flugplätze und Kommunikationseinrichtungen angreifen. Kollaterale Waffenwirkungen würden zu unzähligen zivilen Opfern führen. Unser ziviles Rettungssystem wie Krankenhäuser und Feuerwehren wäre rettungslos überfordert. Für solche Eventualitäten wurde im Kalten Krieg geplant. Ich glaube heute, dass alle diese Planungen nicht funktioniert hätten. Wenn es tatsächlich zum großen Schlagabtausch gekommen wäre, er wäre im nuklearen Holocaust geendet, da bin ich ganz sicher. Vor diesem Hintergrund möchte man am Verstand der heutigen verantwortlichen Politiker und ihrer Wortführer zweifeln, die eine harten Linie gegenüber Moskau vertreten. Sie exkulpieren sich mit dem Bismarck’schen Credo: Politik ist die Kunst des Möglichen. Ich möchte mein Credo dagegenhalten, für das Willi Brandt und Michael Gorbatschow als leuchtende Beispiele stehen: Politik ist die Kunst des Menschlichen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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