Über das törichte Verhalten des Versuchens

 

 

Gute Hollywood-Filme glänzen immer wieder auch durch ihre Dialoge und den Weisheiten, die darin verpackt sind.  In dem Film Starwars ist es der Jedi Meister Yoda, der dem Helden der Geschichte, Luke Skywalker, folgenden philosophischen Rat gibt: Tu es, oder tu es nicht. Es gibt kein Versuchen. Diese Sätze haben für den Zuschauer zunächst einmal nur einen Bezug zur Handlung und werden häufig schnell wieder vergessen. Der eine oder andere wird später vielleicht über sie nachgedacht und mit Freunden darüber geredet haben. Sie haben nämlich durchaus auch einen Bezug zum wirklichen Leben, wie Weisheiten es so an sich haben. Eine klassische Situation, auf die der Spruch anwendbar ist, ist die Bewerbung für einen Job.

Sie sind nach etlichen vergeblichen Bewerbungsschreiben endlich zu einem persönlichen Gespräch eingeladen worden. Trotz guter Referenzen und gründlicher Vorbereitung haben sie Zweifel. Es gibt sicherlich noch mehr Bewerber, und die haben vielleicht mehr Berufserfahrung als Sie. Und dann baut man sich das Hintertürchen: Ich versuche es mal. Wenn es nicht klappt, kann ich ja immer noch …. Diese Selbstzweifel nehmen Sie unbewusst mit ins Vorstellungsgespräch, was am Ende dazu führen kann, dass Sie den Job nicht bekommen. Warum das so ist, dafür gibt es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Ein Esoteriker wird es über negative Schwingungen erklären, ein Verhaltenspsychologe über Auftreten, Körperhaltung, Mimik und Sprache und ein Neuro-Biologe durch Angst ausgelöste Adrenalinflüsse im Hirn, die eine lähmende Wirkung haben. Welche Erklärung die „richtige“ ist, ist eigentlich egal. Entscheidend ist zu begreifen, dass wir Versagen und Niederlagen einladen, wenn wir etwas nur versuchen, anstatt es zu tun. Ob das immer so ist, lässt sich empirisch schwer beweisen. Trotzdem kann man in der Yoda-Weisheit eine Logik erkennen, die an vergleichenden Bildern deutlich wird.

Ein Drahtseilartist, der sich anschickt, den ersten Schritt auf das Drahtseil zu tun, ein Skispringer, der sich in schwindelnder Höhe abstößt und in die Schanzen-Spur springt oder ein Formel 1 Rennfahrer, der in Startposition auf das Erlöschen der roten Ampeln wartet, sie alle sind von einem Gedanken beseelt: Ich tu es. Der Gedanke, ich versuche es, wäre nicht nur absurd, sondern könnte für sie und andere leicht in einer Katastrophe enden. Wenn man diese banale Erkenntnis auf das Entscheidungsverhalten von Politikern anwendet, könnte man eine Gänsehaut bekommen. Das gilt im Besonderen in der Außen- und Sicherheitspolitik.

In unserer politischen Klasse herrscht immer noch die weitverbreitete Ansicht, dass Krieg ein akzeptables Mittel ist, um politische Ziele zu erreichen. Der Legitimation wegen nennt man Kriegsoperationen der eigenen Streitkräfte heute nicht mehr Krieg, sondern Humanitäre Intervention. Es wird beteuert, dass militärische Gewalt immer nur das letzte Mittel der Politik (des Versuchens) sein darf. Im Folgenden möchte ich Ihnen an ein paar Fakten vorstellen, die nahelegen, dass allen Kriegen (Verzeihung, Humanitären Interventionen), die der Westen nach Ende des Kalten Krieges geführt hat, „wir versuchen es mal“-Entscheidungen vorangegangen sind.

Die USA und ihre NATO-Verbündete haben in der genannten Zeit vier größere Kriege geführt. Ich stelle sie hier unter ihrem offiziellen Operations-Namen vor.

  1. „Allied Force“ gegen Jugoslawien um den Kosovo (1999)
  2. „Enduring Freedom“ gegen die Taliban in Afghanistan (2001-heute)
  3. “Unified Protector” gegen Libyen (2011)
  4. ”Inherent Resolve” gegen den „Islamischen Staat“ (2014 – heute)

Alle diese Kriege wurden vornehmlich aus der Luft geführt. Bis auf kleinen Gruppen von Spezialkräften, die die einheimischen Oppositionsgruppen berieten und unterstützten, kamen keine Bodentruppen zum Einsatz. Man wollte nur einen „kleinen Fußabdruck“ am Boden, um nicht nach einem aufwendigen und teuren Landkrieg die Verantwortung für ein zerbrochenes Land übernehmen zu müssen („If you break it, you own it“, US-General Colin Powell). Auch die zu erwartenden unausweichlichen Verluste bei den eigenen Truppen wären in der eigenen Öffentlichkeit nicht akzeptiert worden. Anstatt „richtig“ Krieg zu führen, hat man versucht, allein durch Luftkriegsoperationen seine politischen Ziele zu erreichen, was meines Erachtens in allen vier Kriegen nicht gelungen ist.

Auf dem Balkan schwelen bis heute ethnische Spannungen, die nationalistische Gruppen in den Staaten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens ausnutzen, um neue Grenzziehungen anzustreben. Kenner der Region warnen inzwischen, dass ein neuer Balkankrieg bevorsteht.

Auf die Nutzlosigkeit des Afghanistan-Krieges brauche ich wohl nicht näher einzugehen. Trotz massivem Einsatz von Airpower wurden das gesetzte politische Ziel, das Land zu befrieden und zu demokratisieren, nicht erreicht.

In Libyen ist nach dem Ende des Luftkrieges nicht die Demokratie „ausgebrochen“. Das Land ist in einem Bürgerkrieg versunken, der bis heute andauert.

Der Zweck des Luftkrieges gegen den „Islamischen Staat“ ist bis heute nicht klar zu erkennen. Eine Terrorgruppe zerschlagen ist kein politisches Ziel. Bei dem Gemenge von Interessen der regionalen Mächte und der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Krisenregion muss der Versuch, ein politisches Ziel durch Luftkrieg zu erreichen, mehr als infrage gestellt werden.

Nun mag der eine oder andere trotz der enttäuschten politischen Erwartungen nach wie vor die militärische Option eines Luftkrieges argumentieren. Schließlich hatte man auf diese Weise unterdrückte Völker von Diktatoren wie Milosevic und Gaddafi befreit. Diesem Argument möchte ich die menschliche Katastrophe entgegenhalten. Tausende von Zivilisten sind den Bombardierungen zum Opfer gefallen. Hunderttausende wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land oder machten sich auf den Weg zu uns. Man könnte sagen, dass die Politik des Krieg-Versuchens die Migrationswellen mit verursacht hat, die Europa seit Jahren heimsuchen und vielen Menschen auf der Flucht das Leben gekostet hat und immer noch kostet. – Wenn Politiker und Militärs sich dieses unendliche menschliche Leiden bewusst machen würden, sollten sie nicht endlich aufhören zu versuchen und stattdessen einen „richtigen“ Krieg führen (Tu es)? –

Der in militärpolitischen Führungskreisen der USA und Europa geschätzte preußische Militärphilosoph General Carl von Clausewitz und Meister Yoda sind hier derselben Ansicht. Es gibt kein Versuchen. In seinem Werk „Vom Kriege“ schreibt Clausewitz: (Sinngemäß) Krieg ist die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln und vom Wesen her die Anwendung äußerster Gewalt. Wer glaubt aus humanen oder anderen Gründen einen weichen Krieg führen zu können, wird den Krieg unnötig verlängern und am Ende mehr Opfer zu beklagen haben, als wenn er ihn konsequent seinem Wesen nach geführt hätte. Im Umgangsdeutsch würden wir sagen: Mach keine halben Sachen. Sie kosten am Ende mehr, als Du gedacht hast. – Ich bin aber noch nicht ganz fertig. Ein Teil von Yodas Weisheit hängt noch in der Luft. „Tu es nicht“! – Es könnte auch sein, dass man nicht bereit ist, den Preis zu zahlen, wenn man es tut. Welcher Preis ist das? – Das Leben von Menschen.

 

 

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