Als der damalige sowjetische Ministerpräsident Michael Gorbatschow den Warschauer Pakt auflöste, soll er in Richtung NATO Staaten gesagt haben: „Wir tun euch jetzt ganz etwas Schlimmes an. Wir nehmen Euch den Feind weg.“ Die Bedeutung seiner Worte ist bis heute nicht verstanden worden. Die Auflösung des Warschauer Paktes, das Öffnen der Grenzen und die Osterweiterungen von NATO und EU wurden als Ende eines großen Krieges in Europa verstanden und begrüßt. Nach zwei heißen und einem kalten Krieg sollte nun endgültig Frieden sein. Hochrüstung und Rüstungswettlauf waren überflüssig geworden. Die dadurch freiwerdenden Mittel in den Verteidigungsetats – man sprach von der „Friedensdividende“ – sollten nun endlich sinnvollen, friedlichen Aufgaben wie Bildung und Umwelt zugutekommen. Diese Rechnung ging für die Bundesrepublik Deutschland nicht auf. Das hatte verschiedene Ursachen. Besonders die Milliarden teuren Beschaffungsprogramme, die in den 80er Jahren, also noch während der Zeit des kalten Krieges, entschieden wurden, verschlingen bis heute so viel Geld aus dem Verteidigungsetat, dass ein geregelter Ausbildungsbetrieb nicht mehr bezahlbar ist und nur noch rudimentär bzw. über Simulation stattfindet. Die negativen Auswirkungen auf die Motivation in der Truppe kann man nur ahnen. Veränderungsbemühungen wie Transformation und Reform müssen scheitern, weil man nicht begriffen hat, dass die Hauptursache für die großen Probleme der Bundeswehr Führungslosigkeit ist.

Während des Kalten Krieges war die Welt stabil. Verteidigung wurden über Mengengerüste gemanagt (Truppenstärken gegen Truppenstärken, Panzer gegen Panzer, Flugzeuge gegen Flugzeuge usw).  Als dann Gorbatschow den Warschauer Pakt auflöste und damit der NATO den Gegner wegnahm, der bisher der Maßstab aller militärischen Steuerungs- und Regelungsprozesse gewesen war, sahen sich die strategischen Analysten im Westen einer diffusen Bedrohungswelt gegenüber, die nicht zu greifen, geschweige denn vorherzusagen war.  Die stabile Bedrohungswelt des Kalten Krieges war instabil geworden. In einer solchen Welt funktionieren Management-Prozesse nicht mehr. In der Instabilität ist Führung gefragt. Das gilt für  Wirtschaftsunternehmen aber noch viel mehr für Streitkräfte. Kenner von Kriegsgeschichte wissen das. Wenn Soldaten im Chaos von Konflikt, Tod und Zerstörung ihren Auftrag durchführen sollen, ist es die Aufgabe von Führung, in 4 Rahmenbedingungen Vertrauen zu schaffen: In die Sinngebung, in die eigenen Fähigkeiten, in die Zielsetzung und in den Gruppenzusammenhalt (frei nach Oetting „Motivation und Gefechtswert“). Ohne auf jede Rahmenbedingung im Detail einzugehen, soll im Folgenden das Argument geführt werden, dass in allen 4 Bereichen die politische und militärische Führung der Bundeswehr versagt hat.

Anstatt nach dem Kalten Krieg wirkliche Veränderung anzugehen, nahm man Zuflucht im alten Denken. Man suchte Sinngebung über ein vereintes, militärisches Europa. Bedrohungen wurden formuliert, die einer neuen NATO und einer bestehenden Bundeswehr Existenzberechtigung verschaffen sollten. Es gelang nicht wirklich. WMD (Weapons of Mass Destruction), „Failed States“ und Terrorismus reichten nicht aus, um Landesverteidigung mit neuem Sinn zu füllen und konventionelle Streitkräfte zu begründen. Man könnte es fast als tragisch bezeichnen, dass das geostrategische Denken von vorgestern in westlichen sicherheitspolitischen Kreisen schließlich zum „alten“ Feindbild zurückgeführt hat. Nachdem im letzten Jahr vor dem Hintergrund der Kriegsoperationen in Syrien das Pentagon Russland wieder an die Spitze seiner Bedrohungsliste gesetzt hatte, war die Welt in militärischen Zirkeln der NATO Staaten wieder „in Ordnung“. Als es dann aber um konkrete Beiträge zur Stärkung des NATO Bündnisses ging, bestätigte sich der langgehegte Verdacht, dass in der Bundeswehr gar nichts mehr in Ordnung ist. Die deutschen Streitkräfte sind schon lang nicht mehr einsatzbereit.

Kurzfristige Ad-hoc Maßnahmen wie die Erhöhung der Verteidigungsausgaben oder teure Zwischenlösungen, um Verzögerungen beim geplanten Zulauf von neuem Großgerät bzw. Einbrüche bei dessen Klarstand aufzufangen, beweisen, dass die Verantwortlichen nicht begriffen haben, dass das, was der Bundeswehr (der gesamten NATO) verloren gegangen ist, weder gutes Management noch mehr Geld wieder zurückbringen kann: Eine operationelle Kultur. – Eine solche basiert auf Vertrauen (siehe oben) und ist das Ergebnis von jahrelangem gemeinsamen Übens und Lernens

  • im Verbund mit Soldaten anderer Teilstreitkräfte (joint)
  • im Verbund mit Soldaten anderer Nationen (combined)
  • im Verbund mit zivilen Akteuren (comprehensive)

Gute Ausrüstung und Ausbildung sind Voraussetzungen für einsatzbereite Streitkräfte. Ohne eine gemeinsame operationelle Kultur sind sie jedoch für jede verantwortungsbewusste Sicherheitspolitik wertlos. Die Konsequenz, die eine einsichtige Führung daraus ziehen sollte, ist, entweder die Bundeswehr abzuschaffen und eine gewaltfreie Außenpolitik zu betreiben, wie die LINKE sie postuliert oder mit aller Macht die Bildung einer neuen operationellen Kultur zu fördern. Letzteres braucht Zeit. Vor allem aber braucht es eine weise Führung. Ob eine zukünftige Bundesregierung beides aufbringen kann, muss bezweifelt werden.