„Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt.“

 Humberto  Maturana, Neuro-Biologe und Philosoph, *14. September 1928 in Santiago de Chile

 

Sie kennen sicherlich das Spiel „Stille Post“. Wir haben es früher auf Kindergeburtstagen gespielt. In abgewandelter Form wird es heute zu pädagogischen Zwecken bei der Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen und Erwachsenen benutzt. 4-6 Leute einer Klasse werden vor die Tür geschickt. Dann projiziert man ein Bild an die Wand. Die Anwesenden bekommen 1 Minute Zeit, um sich die Details einzuprägen. Dann wird einer als Initiator des Spieles bestimmt. Das Bild wird weggeschaltet und der erste von den draußen wartenden Teilnehmern hereingebeten. Der Initiator erzählt ihm, was er auf dem Bild gesehen hat. Wenn Letzterer verstanden hat – Rückfragen sind nicht erlaubt – wird der zweite vor der Tür wartende hereingerufen und der erste erklärt diesem, was er verstanden hat, das auf dem Bild zu sehen ist. Nachdem der letzte Teilnehmer vor der Tür seine Version vom kommunizierten Bild zum Besten gegeben hat, wird es wiederum an die Wand projiziert. Wie man sich vorstellen kann, wird – wie bei einem Kindergeburtstag – die Erheiterung recht groß sein. Dann wird Verblüffung einsetzen. Wie ist es möglich, dass ein für alle gleich wahrnehmbares Bild über ein paar wenige Stationen kommuniziert so verfälscht werden kann?! –

Ein Verfälscher ist sicherlich Kommunikation oder konkreter: Sprache. Das kleine Spiel „Stille Post“ zeigt, wie trotz derselben Sprache in kurzer Zeit die Bedeutung von etwas Eindeutigem wie ein Bild allein durch Weitererzählen mehrdeutig wird. Man kann sich leicht vorstellen, dass der Verfälschungseffekt noch viel größer sein muss, wenn Informationen aus einem entfernten Kriegsgebiet über verschiedene Sprachen kommuniziert werden (z.B. arabisch, kurdisch, türkisch, englisch und/oder französisch). – Sprache ist aber nur Ausprägung der eigentlichen Ursache für das Verfälschen: Die Subjektivität aller Wahrnehmungen. Sie wird heute weder von den Naturwissenschaften noch von den Geisteswissenschaften in Frage gestellt. Die griechischen Philosophen haben schon vor über 2000 Jahren darüber nachgedacht.  Neuro-Biologen begründen sie inzwischen wissenschaftlich, wie das Zitat im Untertitel belegt.

Maturanas Erkenntnis hat der österreichisch-amerikanische Kybernetiker und Philosoph Heinz von Foerster in einem Interview mit dem Wissenschaftsjournalisten Bernhard Poerksen (sieheWahrheit ist die Erfindung eines Lügners“) durch eine kleine Schmunzel-Geschichte verdeutlicht. Von Förster erzählte von seinem Besuch an einer Akademie für Journalisten in den USA. Er war als Gastredner eingeladen worden und begann seinen Vortrag damit, dass er das Motto der Akademie thematisierte. Es lautete: „Tell it, as it is!“ (“Sag, wie es ist!“) Der Satz ist einleuchtend, denn nach landläufiger Meinung sollte ein guter Journalist immer objektiv berichten und sich an die Wahrheit halten. Heinz von Förster verblüffte sein Publikum, in dem er das Motto umformulierte. Es müßte eigentlich heißen:“  It is, as you tell it!“ (Es ist, wie Du sagst!“) Diese scheinbar kleine Wortspielerei verbirgt eine ungeheuerliche Feststellung, nämlich die, dass es keine objektive Wahrheit geben kann, die man berichten könnte. Hier ist zusammengefasst die wissenschaftliche Erklärung.

Realität ist eine komplizierte Konstruktion des Hirns. Was man Konstruieren nennt, ist selten ein bewusster Akt, sondern ein Prozess des zentralen Nervensystems. Zu jedem Bruchteil einer Sekunde werden aus Sinneswahrnehmungen, Gefühlen, Erfahrungen und Unbewusstem „Realitäten“ erschaffen. Alles, was gesagt wird, wird immer von einem Beobachter gesagt oder wie Heinz von Förster es ausgedrückt hat: Objektivität ist der Wahn zu glauben, man könne etwas beobachten ohne einen Beobachter. Wenn wir von Realität und Wahrheit sprechen, kann es eigentlich immer nur eine angenommene Übereinstimmung von Konstruktionen sein.

Warum ist diese Erkenntnis wichtig? – Ganz einfach. Das Wissen darum entscheidet letztlich darüber, ob es Krieg oder Frieden gibt.

All unser Handeln ist Folge unserer Wahrnehmungen. Wenn wir die Parteien im Nahen Osten in Gut und Böse unterteilen, Waffen an die Guten liefern und die Bösen bombardieren, dann geschieht das nicht als Konsequenz auf die Wahrnehmung einer objektiven Realität, sondern ist allein unserer Art und Weise zu denken geschuldet. Wenn unser Denken in KO Alternativen führt (z.B. dem Terror  nachgeben oder Krieg), darf Krieg nie die Lösung sein, sondern wir müssen unser Denken ändern (d.h. unsere Realitätskonstruktionen). Das sind wir unserer Ethik und der Vernunft schuldig. So gesehen liegt die Lösung des Nah-Ost Konflikts zwischen den Ohren. Aber dort sucht sie keiner. Wer will schon zugeben, dass er statt wahr zu nehmen falsch nimmt?!