Das neue Schuljahr steht vor der Tür. Kinder, Eltern und Lehrer hatten sich darauf gefreut, dass Schule wieder zur Normalität wird. Die Entscheidung der Verantwortlichen jetzt, den Schulalltag nur unter Maske stattfinden zu lassen, halte ich für eine Katastrophe. Mit dieser Einschätzung bin ich nicht allein. Die Lösung ist aber nicht noch mehr Digitalisierung, wie in einigen Medien zu lesen war. Die Lösung liegt in einer vernünftigen Abwägung zwischen Infektionsschutz und der Zukunft unserer Kinder. Digitalisierung kann Lernen unterstützen aber nie die Lernsituation in der Gemeinschaft unter der Mediation eines Lehrers ersetzen. Dessen vornehmliche Aufgabe besteht eben nicht in einer Wissensvermittlung, die Hirn-physiologisch gar nicht möglich ist. Lernen ist immer der schöpferische Akt eines einzelnen Hirns. Voraussetzungen dafür sind Begeisterung, Neugier und Lob, ganz viel Lob. Ohne zwischenmenschliche Interaktion ist das nicht möglich. An einer kleinen Geschichte aus meiner Lehrer-Erfahrung möchte ich das deutlich machen.

 

Schöner als Fliegen

… mit Kindern zusammen lernen

 

Seit meiner Entlassung aus den Streitkräften arbeite ich immer wieder mal als Vertretungslehrer an Gymnasien bzw. an Stadtteilschulen. Dabei ist mir eines ganz schnell klar geworden. Kinder wollen lernen. Sie wollen zeigen, was sie können. Ich gebe ihnen dazu so viel Gelegenheit wie möglich. Dabei lerne ich genauso viel von ihnen, wie sie von mir. Dazu möchte ich Ihnen folgende kleine Geschichte erzählen.

Ich war für die Mittelstufe eines Gymnasiums als Geografie-Lehrer engagiert worden und hatte für meine Klassen (6. 7. und 8.) eine Präsentationsreihe aufgelegt. Das „Morgenbriefing“. Zu jeder Unterrichtsstunde war jemand dran. Sie durften ein eigenes Geografie -Thema konstruieren und sollten es dann präsentieren. Vorab hatte ich ihnen ein bisschen Methode beigebracht und folgendes Beispiel vorexerziert.

Von einem Spiegelartikel über den Messerschmitt Kabinenroller habe ich zu Prof. Messerschmitt, dem Erfinder des ersten Düsenflugzeugs, übergeleitet. Nachdem ich ihnen die Vorteile des Jets über das Propellerflugzeug erklärt hatte, habe ich ihnen die Troposphäre vorgestellt. Das ist die Luftschicht über der Erde, in der das Wetter stattfindet und an deren Obergrenze in ca. 10 000 Meter (der Tropopause) wegen der kalten Temperaturen und des geringen Luftdrucks Jetflugzeuge sehr effektiv und effizient operieren können. – Als ich fertig war, haben sie applaudiert. Das war ganz nach ihrem Geschmack. Ich habe dann eine EXCEL-Tabelle mit ihren Namen, freien Spalten für Themen und Datum an das Klassenboard gepinnt und sie aufgefordert, sich bis zum nächsten Mal einzutragen. Sofort kam ein Kommentar. „Können wir nicht mal im Alphabet hinten anfangen?“ – Gegenprotest. – „Ihr werdet die Reihenfolge untereinander regeln“, habe ich gesagt. „Warum fangen wir nicht mal in der Mitte an“, war ein Vorschlag. Ich goss Öl ins Feuer und schlug vor, dass die Jungs anfangen sollten. was Jubel bei den Mädchen auslöste und heftigen Protest bei den Jungs. Nachdem sich der der Aufruhr gelegt hatte, habe ich Folgendes zu bedenken gegeben: “Es gibt immer zwei Arten von Schülern, die einen, die es noch vor sich haben und die anderen, die es schon hinter sich haben. Je eher du eine Arbeit tust, desto mehr freie Zeit hast du später.“ Sie schauten mich fassungslos an. Dann sprangen die ersten auf, flitzten an das Pin-Board, um sich für einen frühen Termin einzutragen. Lena, eine kleine zarte Schülerin, die bisher ganz still dagesessen hatte, meldete sich und bot an, schon gleich morgen vorzutragen.

Sie sind wunderbar. Ich genieße ihre Nicht-Trivialität. Das unschuldige Nichtangepasstsein bringt eine Spontanität und Kreativität hervor, die mich immer wieder anrühren aber noch mehr beeindrucken. Ich lerne von den Kindern mindestens genauso viel wie sie von mir. Wichtig ist, dass man vertraut. Das habe ich in über 30 Jahren Menschenführung in den Streitkräften gelernt. Führung ist Vertrauenssache, und das gilt in beide Richtungen. Mit Kindern ist es nicht anders. Wenn jemand mal nicht vorbereitet ist vorzutragen, weil er den USB-Stick vergessen hat oder wegen einer Mathe-Arbeit Geographie nicht mehr auf seinem Radar hatte, kann er das sagen. In der Anfangszeit kam immer wieder die ängstliche Frage: „Bekomme ich jetzt eine 5?“ – Nein, natürlich nicht, habe ich sie beruhigt. Jeder kann mal etwas vergessen. Das nächste Mal bist du vorbereitet. – Es funktioniert meistens. Und wenn sie wieder vergessen hatten, gab es wiederum ein nächstes Mal. Es funktioniert, weil sie darauf brennen, ihre Geschichte vorzutragen. Und es funktioniert, weil sie mein Vertrauen nicht enttäuschen wollen.

Dann endlich war es so weit. Der 12 jährige Leon, als notorische Vergesser verschrien, war bereit, seine Präsentation zu geben. Mit anschaulichen Power Point Bildern erklärte er die Einzelteile seines Handys. Er listete die Metalle auf, die darin verarbeitet worden waren und ihre Funktion. Dann zeigte er auf einer Weltkarte die Länder, in denen diese Metalle vorkommen und erzählte etwas über Ausbeutung. Am Ende seines Vortrages gab es spontanen Applaus. Leons Mimik und Körperhaltung erzählten, wie stolz er war. Als ich ihn dann lobte und seine Präsentation mit einer 1 benotete, war er fassungslos vor Freude. Der Direktor sagte letztens zu mir: Sie benoten zu gut. Nein, habe ich erwidert, die Kinder sind so gut.

Nach meiner Messerschmitt-Präsentation hatte ich einen kleinen Clip mit „richtigen“ Jets gezeigt, die ich während meiner Zeit als Luftwaffenpilot geflogen hatte. Das kam natürlich an. Meinte eine Schülerin: “Wie kann man nur Lehrer werden, wenn man so ein Ding geflogen hat?!“ Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe. Vielleicht brauchte ich erst 25 Jahre in meinem Traumberuf, um zu erfahren, dass es etwas gibt, das schöner ist als Fliegen … mit Kindern zusammen lernen.

 

 

 

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