„Zwei Aufgaben des Lebensanfangs. Deinen Kreis immer mehr einschränken und immer wieder nachprüfen, ob du dich nicht irgendwo außerhalb deines Kreises versteckt hältst.“
Franz Kafka

 

Wohl dem, der in seinem Lebenskreis jeden Tag glücklich und zufrieden angehen kann. Dass das (Gottseidank) nicht immer so ist, wird jeder bestätigen. Jeden Tag „Frohlocken“, wie es die Hausordnung im Himmel dem Münchner Aloisius vorgab, wird irgendwann langweilig. Der hat sich ja dann auch lautstark gewehrt, was den lieben Gott veranlasst hat, ihn regelmäßig mit göttlichem Auftrag nach München hinunterzuschicken. Gleich beim ersten Besuch zog es Aloisius ins Hofbräuhaus. Er war in seinem Lebenskreis angekommen. Und nach ein paar Maß war er in seinem Himmel. Wenn man diese kleine kabarettistische Geschichte auf das Leben anwendet, dann geht es doch um nichts anderes. In seinem Lebenskreis ankommen und ab und zu im Himmel sein. Das klingt erst einmal salbungsvoll, bekommt aber Bedeutung, wenn man ins Konkrete geht. Bevor ich das tue, möchte ich den Lebenskreis – Kaffka nennt es den Kreis – erklären, wie ich ihn verstehe.

Er ist die Lebenssphäre, in der meine Sinngebung stattfindet. Sinnvoll ist für mich, was mir in der materiellen, geistigen und spirituellen Welt besonders wichtig ist. Kafkas Postulat, diesen Kreis immer mehr einzuschränken, bedeutet für mich, dass ich alles, was mir nicht wirklich Sinn gibt, draußen lasse. Das Sprichwort „Geld macht nicht glücklich“ passt sehr schön. Ein Mann, der alles daransetzt, beruflich Karriere zu machen und deswegen viel arbeitet, wird seiner Familie materiell viel bieten können. Wenn dann das Familienleben aber nur noch an bestimmten Wochenenden und im Urlaub stattfindet, weil er keine Zeit hat, kann es ihm passieren, dass seine Frau sich von ihm abwendet und sich scheiden lässt. Damit hat er die schönste und wichtigste Sinngebung, Liebe, verloren. Die Harmonie seines Lebenskreises – und auf die kommt es an – ist gestört. Wenn dieser Mann ein kluger Beobachter seines Lebenskreises ist, dann wird er zu der Einsicht kommen, dass er selbst der Verursacher der „Störung“ ist. Es kann aber auch sein, dass er sich, wie seine Frau, als Opfer sieht. Diese Einstellung, Opfer zu sein, finden wir nicht nur bei Ehescheidungen.

Schulden, Misserfolge in Schule und Beruf,  Konflikte in der Familie, Arbeitslosigkeit, der Eintritt ins Rentenalter, irgendetwas hindert uns immer wieder daran, im eigenen Lebenskreis in eine Harmonie zu kommen. Um mit diesen „Störern“ umzugehen, hilft das gute Gespräch mit nahe stehenden Menschen. Die versuchen natürlich zu helfen, indem sie Ratschläge geben. Aber wie das Wort sagt, sind Ratschläge eben auch „Schläge“. „Schläge“ dafür, dass man etwas falsch macht. Damit kehrt sich die Hoffnung, die man in solche Gespräche gesetzt hat, schnell in noch größere Frustration um. Da das Problem durch Vernebeln (Alkohol und Zigaretten) oder sich einen Panzer zulegen (Esssucht) nicht weggeht, bleibt am Ende nur noch der Weg zum Psychotherapeuten, der teuer und langwierig ist. Damit will ich gute Gespräche und Psychotherapie auf keinen Fall in Frage stellen. Ich möchte vielmehr auf die stärkste und nachhaltigste Kraft aufmerksam machen, die uns in die Lage versetzen kann, uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Sie liegt in uns selbst. Um sie zu nutzen, braucht es keine Esoterik, sondern allein den Verstand. Der einsichtige Karriere-Ehemann hat ihn benutzt. Er ist in die Rolle des Beobachters geschlüpft, als erfolgsgetriebener Geschäftsmann, als Ehemann und als seine Frau. Er hat sich bemüht, mit Verstand und Gefühl hinzuschauen und zu reflektieren. An einem persönlichen Beispiel möchte ich die Rolle und Wirkweise des Beobachters deutlich machen.

 

Beobachter

 

B1 (Beobachter 1) das bin ich als Verantwortlicher für meinen Lebenskreis. Vor kurzem habe ich das dritte Mal geheiratet. Geborgenheit in einer Familie ist für mich sehr wichtig. Wenn da nicht die Störer wären (B2). Der erste Störer in meinem Lebenskreis (Rakete)  bin ich als ein Mensch, der Zeit seines Lebens durch Leistung und Beifall geprägt wurde. Nach meiner Pensionierung fiel das weg. Bemühungen, meine Erfahrungen und Talente leistungsmäßig umzusetzen, erfüllten nicht die Ansprüche der Rakete. Der zweite Störer (Schmetterling) bin ich als Mensch, der nicht gelernt hat, Wurzeln zu schlagen. Das hat mit meinem ehem. Beruf als Offizier zu tun. Alle 3 Jahre versetzt werden (über 20x während meiner Dienstzeit) erzeugen recht schnell eine innere Unruhe, wenn der neue Lebenskreis Beständigkeit verlangt. Der dritte Störer (Rettungsring) steht für mein Helfersyndrom. Ich möchte, dass  meine Frau ihre Ansprüche ans Leben verwirklichen kann und dass es ihren Kindern gut geht. Damit kollidiere ich immer wieder mit der Rakete und dem Schmetterling in mir. Wie löst B1 diese Konflikte? – Indem er mit jedem einzelnen Störer (Beobachter des Lebenskreises) kommuniziert. Wie geht es Dir?- Was willst Du? – Was können wir tun, damit jeder sich wohl fühlt? Der Beobachter B3 kommt ins Spiel, wenn die Kommunikation in eine Sackgasse führt. Vielleicht stellt B1 die falschen Fragen oder zieht wenig hilfreiche Schlüsse. Vielleicht kommt B3 auch zu dem Schluss, dass in der Konstellation ein harmonischer Lebenskreis nicht möglich ist. Hier kommt der Beobachter B4 ins Spiel. Er beobachtet von außen. Das kann ein guter Freund sein oder ein Therapeut.

Sie können mir glauben, dass ich bei der Aufdröselung der Beobachter ins Nachdenken gekommen bin, ins Beobachten. Wie auch immer der Weg zu einem harmonischen Lebenskreis aussehen mag, der Schlüssel dazu ist Achtsamkeit, für den anderen, vor allem aber für sich selbst. Entscheidend ist, dass, egal was Ihnen als Störer Ihres Lebenskreises begegnet, Sie sich nicht in die Rolle des Opfers begeben, sondern in die des Beobachters, der mit Verstand und Gefühl wahrnimmt. So finden Sie nicht nur Lösungen für Ihre Probleme, sondern Sie erschaffen einen Lebenskreis, der Sie immer wieder im Himmel sein lässt.

 

 

 

 

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