Nur Empathie kann diese Mauer einreißen

 

 

Die Älteren von Ihnen kennen vielleicht noch den Song „another brick in the wall“ der Gruppe Pink Floyd. Er ist von 1979 und immer noch brandaktuell, nicht nur musikalisch. Im Text des Refrains steckt die Brisanz.

We don’t need no education               Wir brauchen keine Bildung 
We don’t need no thought control       Wir brauchen keine Gedankenkontrolle
No dark sarcasm in the classroom      Keinen finsteren Sarkasmus in der Klasse
Teachers leave them kids alone          Lehrer, lasst die Kinder in Ruhe

Die Kinder, die diesen Refrain singen, drücken ihre Abneigung gegen Schule aus. Sie fühlen sich dort zu Ziegelsteinen reduziert, die in einer Mauer verarbeitet werden sollen. Sie wehren sich dagegen, im Denken und Verhalten „passend“ gemacht zu werden. Diese Aversion gegen Schule ist kein Relikt aus vergangenen Zeiten, was ich aus meiner 8 jährigen Erfahrung als Vertretungslehrer bestätigen kann.

Auch heute noch haben in Deutschland viele Kinder und Jugendliche eine Abneigung gegen Schule. Meine Beobachtung wird schon längst auch wissenschaftlich bestätigt. Als Beweis sei hier die “The Children’s Worlds”-Studie von 2016 der britischen York Universität und der Schweizer Jacobs Stiftung genannt. Man hatte insgesamt 56.000 Kinder und Jugendliche in 16 Ländern verschiedener Kontinente auch zur Schule befragt. Neben Südkorea und England hatten die deutschen Kinder am häufigsten angegeben, dass sie nicht gern zur Schule gehen. Warum das so ist, darüber wird trefflich gestritten. Durch meine Alltagsarbeit in der Klasse und im Lehrerzimmer bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass das Problem nicht in einer Ur-Sache liegt, sondern in einer Ur-Beziehung. nämlich Mangel an Empathie.

In der anstehenden Halbjahresklausur für Philosophie wollte ich den Beweis antreten. Ich habe in allen meinen Klassen (9., 10. und 11.) dieselbe Klausur schreiben lassen. Sie finden sie unten im Anhang. Die Schüler hatten die Aufgabe, das Höhlengleichnis von Platon auf ihr Leben anzuwenden. – Und wie sie philosophierten, über die Subjektivität aller Wahrnehmungen, das Gefesselt-sein im Handy, die vielen „Wahrheiten“ im Internet und natürlich die Schule. Beim Lesen ihrer Klausuren fand ich meine Erwartungen bestätigt.

  • Schule war für sie, wie die Gefesselten vor der Wand sitzen.
  • Sie beklagten sich über mangelnde Empathie bei Lehrern.

Im Anschluss an die Rückgabe der Klausuren habe ich ihnen „brick in the wall“ vorgespielt. Dann haben wir diskutiert. Sie hatten meine volle Empathie, als sie sich über Strenge, Engstirnigkeit und Ungerechtigkeiten bei Lehrern beschwerten. Dann habe ich sie gebeten, doch einmal ihre Lehrer mit Empathie wahrzunehmen. Jeden Tag erleben die zugemüllten Klassenräume, lärmende und disziplinlose Schüler, Ausreden und Respektlosigkeiten und Gleichgültigkeit bis hin zur Leistungsverweigerung. Die Kinder wussten genau, was ich meinte. Trotzdem bekam ich immer wieder die Gegenrede: Ja, aber … das kannte ich auch vom Lehrerzimmer!

Natürlich wissen Lehrer meistens um die Lebensumstände der Kinder. Trennung und Scheidung der Eltern – oft feindselig -, allein erziehende Elternteile, Zuwendung über Geschenke anstatt durch Liebe und Zeit haben und oben drauf vielleicht noch die Pubertät. Wenn Kinder auffällig werden, sei es durch Stören, Respektlosigkeiten oder Leistungsverweigerung, werden die persönlichen Umstände durchaus gesehen aber häufig nicht wirklich in hilfreiches Verhalten umgesetzt. Man sagt: Ja, aber … und zieht die Disziplinierungskarte. Wenn dann das störende Kind, das durch sein Stören um Aufmerksamkeit bettelt, noch mehr „gefesselt“ wird, wehrt es sich umso heftiger, was wiederum Aggression und weitere Disziplinierungsmaßnahmen seitens der Lehrer nach sich zieht. Eine fürchterliche Zirkularität entsteht, aus der am Ende das Kind als Verlierer herausgeht. Es hat etwas ganz Schlimmes fürs Leben gelernt. Wer die Macht hat, hat recht.

Es wäre so wichtig, wenn diese Mauer, in die sich die Kinder immer wieder hinein gezwungen fühlen, endlich eingerissen werden würde. Dazu braucht es keine Schulreform oder sonstige Maßnahmen von oben, sondern einfach nur Empathie – von Lehrern zu Schülern und umgekehrt. Eine solche Schule wäre ein Hort emotionaler Intelligenz, die höchste Intelligenz, die ein Mensch erlernen kann. Sie fragen, wie das geht? – Meine Antwort: Bildung, Mentoren und Mediation.

Die Bildung, die ich meine, ist schon längst Teil meines Philosophie-Unterrichts. Dazu gehören Kommunikation (Watzlawik: Ich weiß erst, was ich gesagt habe, wenn ich Deine Antwort gehört habe) Konflikt (im richtigen Ton kann man alles sagen, im falschen gar nichts) und systemisches Denken (Kybernetik der 2. Ordnung: Man selbst ist immer Teil des Problems).

Ein Mentor sollte Teil des Lehrerkollegiums sein. Er wird immer dann tätig, wenn Lehrer oder Schüler Konflikt signalisieren, der über die Empathie der Betroffenen nicht zu lösen ist.

Mediation ist immer dann angesagt, wenn es zwischen Lehrern und Schülern mal „hakt“. Wer das Wesentliche von Kommunikation, Konflikt und systemischem Denken verinnerlicht hat, bleibt gelassen und vertraut einem Mediator. Das kann ein Mentor, ein Kollege oder auch ein Schüler sein. Disziplinierungsmaßnahmen sollten auf jeden Fall unterbleiben.

Kinder, die in der Schule so gefesselt werden, fühlen sich nicht als „brick in the wall“. Die gehen gern zur Schule, und vielleicht werden sie eines Tages auch weinen, wenn es Ferien gibt. Gönnen wir es Professor Huether, Hirnforscher und Philosoph aus Göttingen, dass dieser sein Wunsch in Erfüllung geht.

 

 

P.S. Der Vollständigkeit halber habe ich unten die Klausur zum Höhlengleichnis noch einmal angehängt. Vielleicht mögen Sie sich im selbstbezüglichen Philosophieren einmal ausprobieren.

 

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Das Höhlengleichnis

 

Platon beginnt dieses Gleichnis damit, dass er Menschen beschreibt, die seit ihrer Geburt in einer Höhle leben. Aber selbst in dieser Höhle können sie sich nicht frei bewegen, stattdessen sind sie gefesselt. Und zwar so, dass sie nur auf eine Wand gucken können. Hinter ihnen brennt ein Feuer, vor dem auf einer Art Gangway irgendwelche Menschen, Tiere und Dinge vorbeiziehen. Die Schatten, die sie auf die Höhlenwand werfen und die Geräusche, die sie dabei machen, werden von den davor sitzenden Gefesselten als Wirklichkeit angesehen.

Jetzt stellen wir uns vor, einer von ihnen würde losgebunden werden. Platon spricht sogar davon, dass man ihn dazu zwingen müsste, aufzustehen und sich umzudrehen. Das Aufstehen und sich Umdrehen wäre mit großen Schmerzen verbunden. Der helle Schein des Feuers würde ihn blenden. Durch das Figurentheater verunsichert wüsste er nicht mehr, was realer ist, das, was er nun sieht oder die Schatten an der Höhlenwand. Seine Verunsicherung würde noch gesteigert werden, wenn man ihn aus der Höhle hinaus ans Sonnenlicht führte. Das Licht, was ihn empfinge, wäre so hell, dass er gar nichts mehr sehen könnte. Irgendwann hätten sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt, und er könnte Dinge erkennen und deren Schatten und Spiegelbilder sehen. Des Nachts würde er den Himmel mit Mond und Sternen sehen können und später irgendwann einmal sogar die Sonne selbst. Platon fragt, ob der Höhlenmensch jetzt nicht die Welt sieht, wie sie wirklich ist.

Platon fragt weiter: Was wäre, wenn der Höhlenmensch jetzt wieder in die Höhle hinuntergeführt werden würde. Wegen der Dunkelheit könnte er zuerst nichts sehen, und die Augen würden ihm schmerzen. Die anderen Gefesselten würden ihn auslachen, wenn er das Erlebte erzählte. Sie wären sich sicher, dass der Aufstieg sich überhaupt nicht lohne und gefährlich sei, denn man würde erblinden. Würden die Gefesselten nicht alles daransetzen, um zu verhindern, dass jemand sie losbindet? Sie müssten jeden töten, der das versucht, um sich zu retten.

 

Klausur Philosophie

In seinem Höhlengleichnis erzählt der griechische Philosoph Plato eine Fantasie-Geschichte, mit der er den Menschen dazu anregen will, über sich, seine Lebensumstände und sein Denken und Handeln nachzudenken.Welche Bedeutungen gibst Du dieser Geschichte?

  1. Untersuche folgende 4 Abschnitte und beschreibe, wie die Betroffenen „die Welt“ wahrnehmen.
  • Die Gefesselten vor der Wand
  • Der Befreite, als er „die Welt“ in der Höhle sieht
  • Der Befreite, als er die Welt außerhalb der Höhle erlebt
  • Die Gefesselten und der Befreite bei dessen Rückkehr

 

2. Übertrage die 4 Abschnitte aus dem Höhlengleichnis auf Dein Leben und vergleiche Dich mit den Gefesselten und dem Befreiten. Welche Bedeutungen haben für Dich in diesem Zusammenhang

  • Dein Handy
  • Das Internet
  • Die Schule/Der Beruf
  • Wahrnehmungen und Wahrheit

 

3. Was hat das alles mit Empathie zu tun?