Wir sollten dankbar sein, wenn Kinder stören.

 

„Mats, geh bitte an Deinen Platz!“ – Mats tut so, als hätte er mich nicht gehört. Eine Mädchenstimme in der letzten Reihe schreit auf. „Herr Scholz, Matz hat mir meine Trinkflasche weggenommen!“ Als der Junge mich kommen sieht, wirft er die Flasche in Richtung Mädchen und bequemt sich, in Zeitlupe zurück zu seinem Platz in der ersten Reihe zu gehen. Ich verkneife mir eine Predigt. Wenn man Kindern predigt, lernen sie selten das, was man predigt. Sie lernen höchstens predigen.

Der Unterricht hatte vor einigen Minuten begonnen. Vor mir liegen zwei Stunden PGW in einer 8. Klasse, Weder die Schulklingel noch meine Anwesenheit am Pult hatten vermocht, die Schüler zu bewegen, mit Schwatzen und Toben aufzuhören und der Disziplin des Unterrichtsbeginns zu folgen. Da ich nichts von Machtspielen mit Kindern halte und auf meine Empathie vertraue, verzichte ich auf einen geordneten Unterrichtsbeginn. Für solche Fälle habe ich auf meinem USB Stick immer ein paar Clips dabei. Gottseidank sind alle Klassenräume IT mäßig voll ausgerüstet und besitzen einen PC, einen Beamer und ein Smart Board.

Ich starte eine kleine Sequenz aus der US Fernseh-Serie „Die Dinos“. Sofort wird es still in der Klasse. Jeder huscht zu seinem Stuhl, um nichts zu verpassen. Für die, die diese Serie nicht kennen, sei hier erklärt, dass es um eine typisch amerikanische Familie geht, die mit ihren Eigenheiten und Problemen in die Welt der Dinosaurier gespiegelt wird. Die handelnden Familienmitglieder werden durch Schauspieler in Dino-Verkleidung dargestellt. In der ersten Szene sitzt das Dino-Baby bei seinem Vater auf der Schulter und schlägt diesem immer wieder mit einem Kochtopf auf den Kopf. Dabei ruft es:“ Nicht die Mama, nicht die Mama, Du bist nicht die Mama!“ – Die Kinder sind hellauf begeistert und wollen noch mehr sehen. Ich vertröste sie und verspreche, dass wenn wir unsere Arbeit getan hätten, ich noch einen Clip zeigen würde. Die Augen der Kinder sind nun nach vorn auf mich gerichtet. Ich bitte sie aufzustehen, damit wir uns begrüßen können.

„Guten Morgen!“ – Ihre Antwort kommt in einem merkwürdigen Singsang zurück. Er klingt fast so, wie der liturgischer Gesang in einer katholischen Kirche: „Guten Morgen Herr Scholz!“  – Es ist ein Ritual aus der Grundschule, und sie tun es immer noch, ohne dass man es von ihnen verlangen würde. Für einen Moment ist die Klasse eine Einheit. Die Kinder setzen sich hin und schauen mich erwartungsvoll an. Die Vorfreude auf noch mehr „Dinos“ hatte sie fokussiert. Ich zeige ihnen das Bild einer Boeing 747 der Lufthansa und frage, wer von ihnen schon einmal geflogen sei. Die Finger schnellen hoch. Die meisten waren schon einmal geflogen. Ich frage, was das Bild wohl mit Globalisierung zu tun haben könnte. Dieses Mal gehen nicht nur die Finger hoch. Das Mitteilungsbedürfnis lässt sie ihre Antworten in die Klasse rufen. „Reisen, Tourismus, Umwelt …“. Ich ignoriere sie und wende mich Mats zu. Der Junge sitzt von mir weggedreht auf seinem Stuhl, den er um 45 Grad nach hinten gekippelt hat und wühlt in dem Mäppchen seiner Klassenkameradin hinter ihm, die sich vergeblich bemüht, ihn abzuwehren. Ich fordere Mats auf, sich gerade hinzusetzen und sich zu mir umzudrehen. Dann stelle ich ihm die Frage noch einmal. Was hat das Flugzeugbild mit Globalisierung zu tun? –

„Weiß ich nicht,“ kommt als Antwort, „ich bin dumm!“ – Ruft ein Mädchen aus der letzten Reihe: „Er hat ADHS!“ – „Das glaube ich nicht,“ antworte ich. „Im Übrigen glaube ich auch nicht, dass es eine solche Krankheit gibt. Die hat die Pharma-Industrie erfunden, um ihre Tabletten zu verkaufen.“ Einige Kinder protestieren. Natürlich gibt es ADHS. Ich erkläre: „Kinder wollen sich bewegen. Wenn man sie zwingt, bis zu 8 Stunden mit wenigen kurzen Pausen still zu sitzen und aufmerksam zu sein, auch wenn sie nichts verstehen oder der Unterricht langweilig ist, dann ist es kein Wunder, wenn sie anfangen zu stören.

Jetzt ist es mäuschenstill in der Klasse. Ich entschließe mich, zu den Dinos zurückzukehren und zeige den Clip „Nicht die Mama“ noch einmal. Er erzeugt dieselbe Heiterkeit, wie schon zuvor. Dann frage ich, welchem Bereich das Faches PGW sie die Szene zuordnen würden und warum. Zwei Mädchen und ein Junge melden sich. Ich wende mich Mats zu. „Hast Du eine Ahnung?“ –

„Das ist ein Gesellschaftsthema. Bei uns werden Kinder von der Mama großgezogen. Der Papa ist kaum da, weil er arbeiten und Geld verdienen muss. Und wenn er dann mal da ist, erkennen die Kinder ihn nicht, auch wenn er es gut meint. Er ist eben nur „Nicht die Mama“. –Einige Kinder nicken zustimmend. Andere melden sich und wollen dazu etwas sagen. Die Schulklingel beendet eine Diskussion, die noch gar nicht begonnen hatte. Vielleicht ist sie auch nicht notwendig. Die „Störung“, die Mats erzeugt hatte, war völlig ausreichend, um bei Allen Nachdenken und Lernen in Gang zu setzen. Die Kinder werden Zuhause darüber erzählen, da bin ich sicher.  Ich bin dankbar, dass es Störer gibt wie Mats.