„Es ist sicher leichter eine Herde Schafe zu hüten als ein Rudel Löwen. Aber mit Löwen hat man mehr Wirkung am Feind!“

Helmut Graf von Moltke, preußischer Generalfeldmarschall (1800 – 1891)

 

 

 

Lehrerzimmer sollten eigentlich „Lernerzimmer“ heißen. Zu diesem Schluss bin ich nach mehreren Jahren als Vertretungslehrer an verschiedenen Schulen und Gymnasien in Schleswig-Holstein und Hamburg gekommen. In den unzähligen kurzen und langen Pausen vor, nach und zwischen Unterrichten habe ich in diesem Zimmer sehr viel gelernt, nicht so sehr, wie man ein Lehrer ist, sondern eher, wie man als Lehrer nicht sein sollte. Mit dieser Feststellung möchte ich keinem meiner mir stets gewogenen Kolleginnen und Kollegen zu nahetreten. Sie haben mich immer kollegial aufgenommen und mich sein lassen, wie ich bin, obwohl ich keine universitären Scheine vorweisen kann. Mein Lernen im „Lernerzimmer“ geschah weniger durch irgendwelche fachlichen Ansagen meiner Kollegen, sondern durch Ihnen zuhören, wenn sie aus dem Unterricht zurück in das Lehrerzimmer kamen. Alle ihre Gespräche beinhalteten immer wieder dieselben Grundaussagen.

  1. Schüler, die nicht leisten, sind unfähig oder wollen nicht.
  2. Schüler, die stören, müssen diszipliniert werden.
  3. Der Lehrer hat immer recht.

Vielleicht, weil ich eben nicht über ein Pädagogik-Studium zum Lehrer sein gekommen bin, sondern über den Alltag von Menschenführung als Offizier, habe ich einen anderen Blickwinkel auf die Lernsituation in der Schule. Kinder lernen, dass sie zu dumm sind und nicht ernst genommen werden. Sie verlieren jede Lust am Lernen, können kein Selbstbewusstsein entwickeln und lernen angepasst sein. Ein Lehrer könnte das verhindern, wenn er sich als Teil des Problems begreift und die Haltung unter 3. aufgibt. Dann könnte er nämlich erkennen, dass die Schüler deswegen nicht leisten, weil er den Unterrichtsstoff nicht richtig erklärt hat und dass einige immer wieder stören, weil der Unterricht sie nicht anspricht. Damit geht die jedem Kind angeborene Neugier gegen null, und sie verlieren jede Motivation. Das zu erkennen, ist aber nur der erste Schritt. Wenn wir uns einig sind, dass auch ein Lehrer Menschen führt, Menschen, die ihre Leben noch vor sich haben, dann sollte er sich offen, auch vor den Kindern, zu seiner Verantwortung bekennen. Was ich damit meine, möchte ich mit einem Beispiel aus der Kriegsgeschichte deutlich machen.

Wohl kaum ein militärischer Führer war bei seinen Soldaten so beliebt und bei seinem Gegner so geachtet wie Robert E. Lee, kommandierender General der konföderierten Armee von Nord Virginia. Obwohl er im US-amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) für den Süden gegen den Norden kämpfte, wird er heute von allen Amerikanern als einer der Ihren in Besitz genommen. Er war seinen Kontrahenten in der Unionsarmee strategisch und taktisch haushoch überlegen, was seine beeindruckenden militärischen Erfolge gegen zahlenmäßig weit überlegende Gegner immer wieder bewiesen. Was ihn über seine Zeit hinaus einmalig gemacht hat, war seine Fähigkeit zur Menschenführung. So schrieb er nach jeder Schlacht einen Bericht an seinen Präsidenten Jefferson Davis nach Richmond, in dem er nicht nur Ergebnis und Verlauf der Schlacht schilderte, sondern vor allem den Verdienst für das Erreichte seinen Soldaten und Kommandeuren zukommen ließ. Er pries immer ausdrücklich deren Mut und Opferbereitschaft und schlug sie für Beförderungen und Auszeichnungen vor. Wenn eine Schlacht verlorenging und viele Opfer zu beklagen waren, übernahm Lee allein die Verantwortung, so wie bei Gettysburg am 03. Juli 1864. Als der Frontalangriff dreier seiner Divisionen gegen die Verteidigungspositionen der Nordstaaten zusammengeschossen wurde – innerhalb einer Stunde lagen mehr als 50% der 12500 Angreifer tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld – gab Lee einem seiner Divisionskommandeure, Generalmajor George Picket, den Befehl, seine Soldaten zu sammeln und in Stellung zu bringen, um den Gegenangriff abzufangen. Picket antwortete: “Ich habe keine Division mehr, Sir!“ Lee erwiderte: ”Sie und Ihre Männer haben mehr gegeben, als ich je erwarten konnte. It´s all my fault!“

General Lees Haltung entsprang keiner Ausbildung, in der er Methoden im Führen von Menschen gelernt hatte, sondern einer inneren Überzeugung. Er hat seinen Soldaten vertraut, sie gelobt und ihren Eigensinn bis hin zum Ungehorsam in der konkreten Situation eines Feldzuges nicht nur geduldet, sondern immer wieder gefördert. Dadurch hat er eine Gemeinschaft geschaffen, deren Qualitätsmerkmale Selbstvertrauen, selbstständiges und kritisches Denken, Unternehmungsgeist im Handeln und nicht zuletzt Treue zum ihm und der gemeinsamen Sache waren. In einer solchen Gemeinschaft ist Lernen ein Selbstläufer. Sind es nicht genau diese Eigenschaften, die sich jeder Lehrer für seine Schüler wünscht? –

Ich möchte mit dem von Moltke Zitat in der Überschrift beschließen. Wenn wir es wagen, in der Schule Kinder zu Löwen zu erziehen, dann besteht die Chance, dass sie später einmal maximale Wirkung im Leben erzielen.