Löffel-Kapitalismus

Hauptschüler mit Migrationshintergrund – Spiegel

 

 

„Herr Scholz, was ist eigentlich Kapitalismus?“ – Die Frage überraschte mich. Nicht so sehr, weil sie im Englischunterricht gestellt wurde, sondern weil Ahmed sie fragte. Ahmed ist ein 16jähriger Junge aus Somalia, der erst vor 4 Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen war. Wir machten gerade eine Pause. Wir, das sind eine Gruppe von Neuntklässlern einer Stadtteilschule in Hamburg. Alle haben, wie Ahmed, einen sogenannten Migrationshintergrund. Vor einem halben Jahr hatte mich die Schulleitung gefragt, ob ich bereit wäre, ein paar Schüler durch gezielten Unterricht in Englisch auf die anstehende Hauptschulprüfung vorzubereiten. Da ich an dieser Schule schon einmal eine 9. Klasse in Englisch unterrichtet und durch die Prüfung gebracht hatte und ich das Lernen mit diesen besonderen Kindern und Jugendlichen als eine Bereicherung empfand, musste man mich nicht groß überreden. Ahmeds Frage machte mich stolz. Er saß nicht mit einem Trichter auf dem Kopf vor mir, den ich befüllen sollte, sondern er dachte selbstständig, war neugierig und traute sich zu fragen. „Kapitalismus ist, wenn die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, sagt mein Vater“, warf Anastasia ein, die aus Russland stammt. Ahmeds Frage war ihm im Geschichtsunterricht gekommen, als sie über den kalten Krieg sprachen und den Kommunismus durchnahmen. Der Kommunismus sei nicht gut für die Menschen gewesen, hatte er verstanden. Der Kapitalismus hätte gesiegt. Seine Eltern waren mit ihm genau deswegen nach Deutschland gekommen. Sie glaubten, dass es ihnen hier, im Kapitalismus, besser gehen würde, als irgendwo anders. Nun hört er immer wieder, dass der Kapitalismus nicht gut für die Menschen sei. Was ist denn nun wahr? Ist Kapitalismus gut oder schlecht? Die Erklärungen des Geschichtslehrers über das, was Kapitalismus ist, hatte er nicht verstanden. Mir wurde klar, dass jetzt der Englischunterricht nicht mehr wichtig war. Hier bot sich eine Gelegenheit, die das Lernen mit diesen Schülern für mich zur Bereicherung macht. Ich wollte sie nutzen. Erklärungen über politische Weltanschauungen und Wirtschaftssysteme waren jetzt nicht angebracht. Sie würden sie nicht verstehen, und ich würde sie langweilen. Ich habe Ihnen stattdessen eine Geschichte erzählt, die ich kürzlich bei einer Recherche in einer Internet-Quelle gelesen hatte. Sie soll aus einer jüdischen Überlieferung stammen.

Ein Rabbi betete: Lieber Gott! Ich möchte gern wissen, wie es im Himmel und in der Hölle ist. Bitte, lass mich einmal einen Blick hineinwerfen. Gott gewährte ihm den Wunsch und schickte den Propheten Elias als Führer. Dieser brachte den Rabbi in eine große hell erleuchtete Halle. In der Mitte auf einem Feuer stand ein großer Kessel, aus dem es nach einer köstlichen Speise duftete. Drumherum saßen Menschen. Jeder von ihnen hatte einen Löffel an die Hand gebunden, der länger war als sein Arm. Sie konnten aus dem Topf schöpfen aber die Speise nicht in den Mund führen. Hungrig saßen sie da und stierten mit hohlen Augen stumpf vor sich hin. Erschrocken und aufgewühlt ließ sich der Rabbi von diesem gespenstischen Ort wegführen. Er hatte genug von der Hölle gesehen.

Der Prophet führte ihn in eine andere Halle. Oder war es dieselbe? Alles sah ganz genauso aus: Der Kessel mit der duftenden Speise über dem Feuer, die Menschen, die drum herumsaßen und die gleichen überarmlangen Löffel, die jeder an der Hand festgebunden hatte. Irgendetwas war aber anders. Diese Menschen sahen gesund und zufrieden aus. Sie waren glücklich. Fröhliches Stimmengewirr und herzliches Lachen erfüllte den Raum. Das musste der Himmel sein. Doch was machte den Unterschied aus? Die Menschen hier waren einander zugewandt. Jeder benutzte seinen überlangen Löffel und fütterte den anderen.

Meine Schüler schauten mich fassungslos an. Nachdem sie gerade eben noch die Hölle rationalisiert hatten, hatte sie die Himmelslösung überrascht und überwältigt. Ich fragte Ahmed: “Wo bist Du hier in Deutschland, im Himmel oder in der Hölle?“ – Ahmed war sehr nachdenklich geworden. Dann sagte er: „Ich möchte nie wieder Hunger haben müssen. Ich möchte nie wieder Menschen, besonders Kinder, an Hunger sterben sehen. Ich möchte all die tollen technischen Dinge wie Internet, PC und Handy nicht mehr missen. Alle diese Wünsche sehe ich in Deutschland erfüllt, in meiner Heimat nicht. In Somalia haben wir viel Hunger erlitten. Wir hatten Mangel an allen Dingen, die im Kapitalismus garantiert werden. In Somalia hatten wir aber eines, was ich in Hamburg vermisse. Wir haben uns gegenseitig geholfen. Der ein bisschen zum Essen hatte, hat dem, der gar nichts hatte, abgegeben.“ –

„Jetzt verstehe ich”, rief Anastasia. „Kapitalismus ist dann der Himmel, wenn genug da ist – das ist der volle Kessel -, alle die Chance zu mehr haben – das sind die überlangen Löffel – und dabei jeder darauf achtet, dass der andere auch etwas bekommt – das ist das Füttern.“ – Zustimmendes Nicken in der Klasse. „Und wann ist Kapitalismus die Hölle?“, fragte ich. – Der volle Kessel bedeutet dasselbe wie im Himmel. Es ist genug da für alle. Da waren sich alle sofort einig. Aber was bedeuten die überlangen Löffel in der Hölle? Wozu braucht man sie, wenn doch genug da ist? – „Man will immer noch mehr“. Anastasia war in ihrem Element. Bei ihr Zuhause wurde viel über Politik diskutiert. – „Und warum sind die Menschen ausgehungert und stumpf?“ – „Sie leiden, weil sie nichts abbekommen!“. An dieser Stelle wollte ich den Dialog zwischen Anastasia und mir beenden und wandte mich Ahmed zu.

„Ahmed, Du selbst hast in Deiner Heimat Hunger gelitten und das Leiden und Sterben hungernder Menschen erlebt. Was hältst Du von Anastasias Antwort?“ – Ahmeds Gesicht bekam einen traurigen Ausdruck. „Der Hunger ist schlimm“, sagte er, „aber noch schlimmer ist das Gefühl, allein gelassen zu sein. Man wünscht sich, dass jemand kommt und einen tröstet, der einem Hoffnung macht, dass alles gut wird. Aber es kommt keiner.“ – An dieser Stelle schickte ich die Kinder in eine Pause. Ich wollte Ahmeds Betroffenheit nicht zerreden. Als wir wieder zusammen waren, erklärte ich ihnen, was eine Metapher ist. Sie kannten den Begriff. Ich griff die Interpretation des vollen Topfes wieder auf und fragte sie, für was er noch stehen könnte außer für Nahrung. Sie wussten sofort, was ich meinte. Klamotten, Autos, Wohnung, Computer, Handys, Luxus und natürlich Geld. Ich malte einen Topf, einen Löffel und zwei Emoticons an die Tafel und schrieb gegen jedes Bild eine Frage. Ungefähr so:

 

Topf             Was ist genug?

Löffel     Wie viel ist das – mehr?

emoti      Warum ist der andere wichtig?

 

Dann habe ich sie gebeten, ihre Eltern und Geschwister zuhause zu befragen und deren Antworten aufzuschreiben. Das nächste Mal wollte ich mit ihnen darüber diskutieren – auf Englisch natürlich. Vielleicht diskutieren Sie einmal diese Fragen – zu Hause, mit Freunden oder in der Firma. Es muss ja nicht auf Englisch sein.