Das Leiden am sinnlosen Leben

Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten.

Helen Keller, US.Amerikanische Schriftstellerin (27. Juni 1880 – 01. Juni 1968)

 

 

“Im Gegensatz zu einem Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll – und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will.”

Für den Autor dieses Zitats, dem österreichischen Arzt, Psychologen und KZ Überlebenden Victor E. Frankl ergeben sich daraus drei Konsequenzen für den Menschen: Entweder er verhält sich konform und tut das, was die Anderen tun, oder er unterwirft sich und tut das, was ihm gesagt wird, oder er bringt sich um. Frankl beruft sich auf Untersuchungen, die in den 70er Jahren in den USA durchgeführt wurden. Danach war Selbstmord bei jungen Menschen die zweithäufigste Todesursache nach Autounfällen. Das Hauptmotiv war ein tief empfundenes Gefühl von Sinnlosigkeit. Frankl bezeichnete das Leiden an einem sinnlosen Leben als die vielleicht größte Geißel der Moderne. An Beispielen aus seiner Leidenszeit im KZ machte er den tiefen Zusammenhang empfundener Sinnlosigkeit und Lebenswillen deutlich, wie die folgende Geschichte aus seinem Buch „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“ zeigt.

Anfang März 1945 erzählte ihm ein Mitgefangener, dass diesem geträumt hätte, der Krieg würde am 31. des Monats vorbei sein, und sie alle würden gerettet werden. Am 29. März wurde dieser Häftling plötzlich krank. Er bekam Gelbfieber. Am 30. wurde er bewusstlos und am 31. starb er. Als das ihm Geträumte nicht eintrat, gab es keinen Sinn mehr für ihn weiterzuleben. Alle psychischen und physischen Abwehrmechanismen brachen zusammen, und er starb auf der Stelle.

Kein Ziel zu haben und keinen Sinn zu sehen ist m.E. nach wie vor das versteckte Leiden vieler Menschen. Besonders tragisch kann es sich bei den jungen auswirken. Die „milden“ Ausprägungen ihrer Not sind Fettleibigkeit, Alkohol- und Drogen-Konsum, Flucht in die Cyberwelt und Depressionen. Im schlimmsten Fall bringen sie sich um. Amokläufe an Schulen und Selbstmordattentate sind für mich nichts anderes als extreme Formen dieses Suizids. Anstatt die eigentliche Ursache zu sehen – Sinnlosigkeit – reagiert die Gesellschaft mit Individualisierung bzw. Pathologisierung des Problems. Die auffallend gewordenen Jugendlichen werden für psychisch krank erklärt, oder man spricht von Selbst-Radikalisierung. Dabei sollte eigentlich bekannt sein, dass der Beobachter („die Gesellschaft“) Miterschaffer des Problems ist. Victor Frankl hat über seine Erfahrungen und Forschungen eine neue Form der Psychotherapie entwickelt. Die Logotherapie (logos, griech. = Sinn).  Ihr Ziel: Menschen zu helfen, in ihrem Leben wieder Sinn zu finden. Diese Hilfe zu geben ist meines Erachtens nicht nur Sache eines Psychologen, sondern in jedem Moment auch die der Mitmenschen und bei Kindern und Jugendlichen im Besonderen, die der Eltern, der Lehrer, der Freunde und der Schulkameraden.

Um dazu in der Lage zu sein, halte ich es für wichtig, dass jeder sich selbst einmal die Sinn-Frage stellt, nicht nur akademisch, sondern ganz konkret persönlich. Vorher sollten wir uns aber noch auf eine Definition von „Sinn“ einigen. Hier ist meine. Etwas hat für einen Menschen Sinn, wenn es für ihn von besonderer Wichtigkeit und Bedeutung ist. Entscheidend ist, dass wir begreifen, dass Sinngebung nicht von außen oder von oben kommt, sondern jeder Mensch für seine eigene verantwortlich ist. Dazu gehört Selbst-Bewusstsein. Die folgende Darstellung ist eine Sicht auf mein Selbst-Bewusstsein, die ich über kleine Beispiele aus meinem Leben erklären möchte.

 

Sinn 5

 

Wenn ich in meinem Leben unterwegs bin, dann sind mir bestimmte Dinge wichtig. Dazu gehört mein Auto, mein Mobiltelefon, mein PC genauso wie mein Job als Lehrer und das Geld, was ich damit verdiene. Ab und zu gehe ich auch gern mal mit einem Freund an die Ecke zum Griechen, um bei einem Gyros und einige Jever Pilsener vom Fass die Welt zu verändern. In geistvollen Stunden zünde ich gern Kerzen an und höre meine Musik, am liebsten von David Bowie. Ich lese gern Goethe und Hermann Hesse und halte Vorträge über Krieg und Frieden und Kindererziehung. Mein Leben als Offizier und Vater hat mich geprägt. Ich möchte kein anderes gelebt haben. Es gab immer wieder auch traurige Zeiten. Und wenn der Seelenschmerz zu groß wurde, bin ich durch den Wald gejoggt und habe mit meinem Schutzengel geredet und um Hilfe gebeten. Mein Tun entsprang keiner konfessionellen Erziehung. Meine Eltern waren nicht religiös. Aber meine Mutter hat jeden Abend vorm Zubettgehen mit uns Kindern gebetet. Dafür bin ich ihr bis heute dankbar.

Damit möchte ich mit den Erklärungen und Reflexionen über meinen Lebens-Sinn schließen, was mich zu der Antwort auf die wichtigste Frage führt.  – Was können wir tun, wenn andere, insbesondere Kinder, Symptome von Sinnlosigkeit zeigen bzw. was können wir tun, damit sie nicht in Sinnlosigkeit abgleiten? – Reden, Zuhören und Reflektieren ist die Antwort der Vernunft. Mein kleines Sinn-Modell mag hier Ideengeber sein. Es gibt aber noch etwas, das wir anderen geben können. Es gehört in den Bereich der Seele und ist Voraussetzung für alle dinglichen und geistigen Sinngebungen. – Bedingungslose Liebe. – Die zu geben, fällt einem manchmal nicht leicht. Das gilt im Besonderen für Kinder und Jugendliche, die ihre Not durch scheinbar sinnloses Stören und Zerstören zum Ausdruck bringen. Aber es lohnt sich! Das glaube ich nicht nur, das weiß ich. Die Belohnung ist selten angepasstes Verhalten, so wie man es gern hätte. Die Belohnung ist Vertrauen und Zuneigung.  Wer von solchen Gefühlen beseelt ist, um den brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Der wird immer seinen Sinn finden und, was oft übersehen wird, für andere da sein, die immer noch unter Sinnlosigkeit leiden.

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