Gütig sein – Ein Schlüsselmerkmal von Menschenführung

 Autobiografisches

 

 

Meine Tätigkeit als Vertretungslehrer ist jetzt zu einem abrupten Ende gekommen. Ich hatte kurzfristig vertragsgemäß gekündigt. Meine Begründung: Eine empfundene mangelnde Fürsorge durch die Leitung der Schule. Die Ereignisse, die zu dem Konflikt geführt hatten, tun hier nichts zur Sache.  Ich sah mich zurückgeworfen auf mein zentrales Thema, das mich nicht erst seit dem Dienstzeitende in der Bundeswehr beschäftigt. Menschenführung. Meine berufsbedingte Beschäftigung mit der Kriegsgeschichte haben mir deutlich gemacht, dass nicht allein fachliches Können das entscheidende Merkmal einer Führungsperson ist, sondern deren täglich gelebte Fürsorge für die ihm anvertrauten Menschen. Hier ist ein Beispiel aus der Kriegsgeschichte.

Nach der Schlacht von Trafalgar (21. Oktober 1805), in der Admiral Nelson tödlich verwundet wurde, schrieb ein britischer Marinesoldat nach Hause: Ich habe ihn (Nelson) nie persönlich erlebt. Das tut mir auf der einen Seite leid, auf der anderen Seite bin ich froh darüber. Sicher, ich hätte gern ihn gern einmal erlebt. Aber dann…, alle Männer auf unserem Schiff, die ihn gekannt haben, scheinen „Weicheier“ zu sein. Seit er gefallen ist, heulen sie sich die Augen aus. Burschen, die gekämpft haben wie die Teufel, weinen wie kleine Mädchen.“ –Nelsons Sekretär beschrieb seinen Chef so: „Er ist die größte Persönlichkeit, die ich je getroffen habe. Er ist wahrlich ein großer Mann, und er ist genauso gütig wie er groß ist.“ –

Nun könnten Sie einwerfen, dass Krieg eine Ausnahmesituation ist. Schließlich geht es um das Leben und die Unversehrtheit der anvertrauten Menschen. Sie werden vielleicht denken, dass im Frieden Gesetze und Vorschriften vollkommen ausreichen, um die Belange von Menschen in Organisationen zu regeln. Ich bin nicht der Meinung und will die Wichtigkeit von Fürsorge beim Führen von Menschen, auch im Frieden, an einem Beispiel der Bundeswehr deutlich machen.

Die Gründerväter haben die Lehren aus der Kriegsgeschichte mit den Grundsätzen von Demokratie in ein schlüssiges Gesetzeswerk für die Streitkräfte geschrieben. Es besitzt im Frieden wie im Krieg Gültigkeit.  Im Folgenden finden Sie die wichtigsten Passagen. Anschließend möchte ich Ihnen von einer Begebenheit aus meinem Bundeswehr-Alltag erzählen. Sie ist ein verblüffendes Spiegelbild meines oben geschilderten Erlebten, mit einem Unterschied. Aber lesen Sie selbst. Zuerst die Vorschriftenlage.

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Zentrale Dienstvorschrift 10/1 – Innere Führung
Absatz 657.
…. Eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche …. Personalführung ist, dass Vorgesetzte Verständnis für die dienstlichen und persönlichen Vorstellungen der ihnen anvertrauten Soldatinnen und Soldaten aufbringen. Im Gespräch darüber muss auf beiden Seiten gegenseitige Offenheit und Ehrlichkeit vorhanden sein.

Soldaten Gesetz (SG)
§ 10 – Pflichten des Vorgesetzten
(3) Er hat für seine Untergebenen zu sorgen.

Wehrbeschwerde-Ordnung (WBO)
§ 1
Der Soldat kann sich beschweren, wenn er glaubt, von Vorgesetzten oder von Dienststellen der Bundeswehr unrichtig behandelt … zu sein.
§ 2
Niemand darf dienstlich gemaßregelt oder benachteiligt werden, weil …. er eine unbegründete Beschwerde erhoben hat.

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Während meiner 35 jährigen Dienstzeit hatte ich einmal eine Beschwerde geschrieben. Die Umstände zu erklären würde an dieser Stelle zu weit führen. Meine Beschwerde richtete sich gegen ein Verhalten meines damaligen Vorgesetzten. Sie endete mit folgenden Sätzen:

Die Innere Führung stellt die Würde des Menschen an oberste Stelle. Meinem Vorgesetzten war die Lösung eines „lästigen“ Personalproblems wichtiger als die Würde eines ihm anvertrauten Offiziers.  Unter einem solchen Vorgesetzten zu dienen, ist für mich nicht zumutbar.

Als Reaktion auf meine Beschwerde bat mich mein Vorgesetzter zu einem Gespräch. Er zeigte sich sehr betroffen über meine Betroffenheit und versprach mir, eine Lösung zu finden, die meine Sorgen angemessen berücksichtigen würde. Ich habe meine Beschwerde nach diesem Gespräch zurückgezogen. – Ein Jahr später endete meine Dienstzeit. Im abschließenden Dienstzeugnis schrieb derselbe Vorgesetzte folgende Sätze zu meiner Person:

Herr Scholz offenbart einen warmherzigen, immer hilfsbereiten Kern. In allen seinen Verwendungen ist seine fachliche wie menschliche Kompetenz besonders hervorgehoben worden. Bei Herrn Scholz vereinen sich ein integerer Charakter, sittlicher Ernst und geistige Fähigkeiten zu einer vorbildlichen Persönlichkeit von eigenständigem Format und großer Zuverlässigkeit. Als unabhängiger, kreativer Denker genießt Herr Scholz meine besondere Wertschätzung.

Zum Schluss möchte ich die Frage aufwerfen: Kann man Fürsorge per Vorschrift anordnen und in einer Ausbildung lernen?  Ich denke nicht.  Mein militärischer Vorgesetzte hat sich fürsorglich verhalten, nicht weil es das Gesetz vorschreibt, sondern weil ihm Fürsorge für mich eine Herzensangelegenheit war. Natürlich gibt es Sachzwänge. Allzu oft neigen Führungspersonen dazu, ihr Handeln damit zu begründen. Diesem Reflex möchte pragmatisch mit einem Appell an eine andere menschliche Regung entgegentreten. Der der Eitelkeit. Wenn später sich Menschen an sie erinnern, werden sie vergessen haben, was sie getan oder gesagt haben. Sie werden sich nur noch daran erinnern, wie sie waren. Gütig.

 

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