Die La Ola Welle

… und was sie mit uns zu tun hat.

 

 

Sie kennen sicherlich die La Ola Welle. Es ist ein Effekt, der entsteht, wenn bei großen Sportveranstaltungen in Stadien die Zuschauer rhythmisch aufstehen, dabei die Arme nach oben werfen und dann sich wieder setzen. Taktgeber zum Aufstehen ist der jeweils rechte oder linke Nachbar. Die La Ola Welle benutzt man gern, um Emergenz zu erklären. Emergenz ist ein Begriff aus der Systemtheorie. Er beschreibt ein Phänomen, das erklärt, warum ein System, in diesem Fall ein gefülltes Sportstadion, eine Eigenschaft zeigt, die in seinen Einzelteilen, in diesem Fall der einzelne Mensch, nicht vorhanden ist.

Auch eine demokratische Gesellschaft, wie der unseren, könnte man als ein System ansehen. Die Einzelteile wären dann Komponenten wie Demokratie, Menschenrechte, Bildung, Freiheit, Marktwirtschaft und die Wissenschaften (Abb. 1 IST-Zustand, weißes Zentrum). Alle 5 werden im nationalen wie internationalen Selbstbildnis als herausragende positive Merkmale unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft angesehen. In den letzten 25 Jahren dienten sie sogar als Alibi westlicher Regierungen, um Krieg zu führen. Womit ich bei den Emergenzen angekommen wäre.

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Abb. IST-Zustand

 

Im äußeren grauen Ring (Abb.1 IST-Zustand) – ich nenne ihn die graue Emergenzwolke – finden sie neben anderen negativen Phänomenen den Krieg. Sie alle sind in den positiven Komponenten unserer Gesellschaft nicht enthalten. Sie sind Folgen der negativen Phänomene des inneren roten Rings (rote Emergenzwolke), dessen negative Phänomene ebenfalls nicht in den positiven Elementen des „guten“ Systems zu finden sind. Ich überlasse es Ihrer Phantasie, Verbindungen zwischen rotem und grauem Ring herzustellen. Sie werden zugeben, dass das kein schönes Bild ist, was wir als globales Role Model für eine gute und nachahmenswerte Gesellschaft abgeben. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn Millionen Muslime sich dagegen wehren, so werden zu sollen, wie wir sind (Stichwort: Globalisierung).

Was können wir tun, um dieses negative Bild zu ändern? – Können wir überhaupt etwas ändern? – Sind die vorliegenden Emergenzen nicht so etwas wie gesellschaftliche Naturgesetze? – Vielleicht gibt es ja so etwas wie gute und böse Menschen. Die guten erzeugen das weiße Zentrum des Modells und die bösen die Emergenzwolken. – Ich glaube das nicht. Ich denke, dass wir selbst die negativen Phänomene unserer Gesellschaft erzeugen. Man beschwört auf der einen Seite eine menschliche Work/Life Balance und Gemeinschaftssinn und kultiviert auf der anderen Seite Karriereverhalten, Leistungswahn und Konkurrenzdenken. Um es mit dem Dichter George Bernard Shaw zu sagen: Wir predigen, was wir nicht leben, und wir leben, was wir nicht predigen. Obwohl in unserer Kultur positive Verhaltensmuster wie Rücksichtnahme, Anständigkeit, Fürsorglichkeit und Gemeinschaftssinn propagiert und die „weichen“ Kompetenzen in Führungsseminaren trainiert werden, ist der Verhaltenskodex in der rauhen Wirklichkeit des Marktes ein anderer. Man erlebt Ellenbogenverhalten. Die Leistungswilligen und Angepassten sind gefragt und kommen weiter. „Die Schwachen“ bekommen ein Burnout, und „die Störer“ fliegen raus.

Mir ist bewusst, dass ich die Problembeschreibung vereinfache. Auch Emergenzmodelle sind eine Vereinfachung. Das ist gem. Systemtheorie legitim. Wenn man ein kompliziertes System wie Gesellschaft vor sich hat, darf man, muss man vereinfachen, um es zu verstehen und wenn nötig zu verändern. Komplexe Systeme dagegen, wie z.B. Wirtschaftsunternehmen, darf man nicht vereinfachen. Man würde sie verfälschen. Ich bleibe bei der Vereinfachung und argumentiere aus meiner Erfahrung als langjährige Führungsperson und heutiger Vertretungslehrer an Gymnasien.

Für mich liegt eine der Hauptursachen der negativen Ausprägungen unserer Gesellschaft in der Schule. Die Basis des Emergenzmodells (Abb. 1 IST-Zustand) stellt sie dar. Über Auswendiglernen und Notengebung werden Kinder zum angepassten Funktionieren dressiert. Examinierung der Einzelleistung und belohnungsinzentivierte Rangfolgen fördern egoistisches Verhalten und verhindern Gemeinschaftssinn. Diese Muster prägen schon viel zu lange unser Gemeinwesen und nicht zuletzt die Führungskultur in Politik und Wirtschaft. Als Beispiele seien hier die EURO-Krise, die Ölkatastrophe von 2010 im Golf von Mexiko, die Banken und Versicherungspleiten der vergangenen Jahre und der Dieselskandal bei VW genannt. Allen diesen Pannen ist man bisher mit Managementmaßnahmen entgegengetreten. Prozesse wurden geändert, Führungspersonen ausgewechselt und neue Gesetze formuliert. Sie sind meines Erachtens nach nur Symptombehandlung. Wenn wir die Ursachen angehen wollen – und die liegen im Menschlichen – müssen sich Beziehungsgeflechte ändern. Das lässt sich nicht von oben anordnen, sondern ist ein Prozess zwischen Menschen. Voraussetzung dafür sind ausgeprägte Meta-Kompetenzen bei jedem Einzelnen. Im grünen Modell (Abb.2 Soll-Zustand) sind sie in der Basis aufgeführt.

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Abb. 2 Soll – Zustand

 

Wenn die Beziehungen zwischen Menschen in unseren gesellschaftlichen Institutionen der Politik und der Wirtschaft auf einer solchen Basis gelebt würden, könnten Emergenzen entstehen, die die positiven Elemente unserer Gesellschaft spiegeln (grüne und graue Emergenzwolken). Welche Rolle Führung in einer solchen Kulturveränderung spielen soll, ist ein weiteres kompliziertes Thema, das ich an dieser Stelle nicht weiter diskutieren möchte. Nur so viel: Es ist ein Prozess zwischen Menschen, die daran aktiv teilhaben müssen. Die Rolle von Führung kann daher keine anweisende sein, sondern eine moderierende.

Eine wichtige Rolle bei einer solchen Kulturveränderung spielt für mich wiederum die Schule. Sie legt nicht nur den Grundstein für gesellschaftliches Verhalten. Lehrer haben schon heute die Möglichkeit, die Meta-Kompetenzen in den Mittelpunkt ihrer pädagogischen Tätigkeit zu stellen. Der Lehrplan wäre „nur“ noch das Vehikel, ein Angebot zum Lernen. Die Schüler nehmen das gern an. Das weiß ich sicher, denn so mache ich es, seitdem ich als Vertretungslehrer arbeite. So lernen die Kinder unbewusst fürs Leben und nicht für die Schule. Und manchmal zeige ich ihnen (8. Klasse) zu Beginn einer Philosophiestunde auf YouTube eine La Ola Welle und frage sie anschließend, was die mit uns zu tun hat. Die Antworten versetzen mich immer wieder in Erstaunen. Sie haben ein natürliches Gefühl für das Ganze. Wir dürfen also hoffen.