Personality Surfing

Vergiss Deine Erklärungen und Du wirst sehen. – Don Juan zu seinem Schüler Castañeda

 

 

Eine leistungsstarke Wirtschaft ist der Motor für Fortschritt und Wettbewerbsfähigkeit. Sie sichert unseren Wohlstand und schafft dadurch wichtige Voraussetzungen für eine humane Weiterentwicklung der Gesellschaft. Dabei wirkt sie Kultur prägend. Als Beispiele seien hier das Auto als Symbol individueller Freiheit und die Alltagsnutzung von Informationstechnik, Stichwort Handy, genannt. Das Kulturbildende hat aber auch seine Schattenseiten, für die Gesellschaft und für die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft. Für eine der vielleicht schädlichsten Schattenseiten sehe ich im Personal Management. Die Namensgebung sagt alles. Human Ressource Management. Der Mensch wird in den Funktionsprozessen als Ressource angesehen. Personalauswahl und Ausbildung sind auf Kompetenzen fokussiert.

Auch wenn schon längst sogenannte weiche Kompetenzen wie Kommunikations- und Konfliktfähigkeit einbezogen werden und inneren Werte wie Attitude=Haltung/Einstellung in den Vordergrund von Assessments getreten sind, wird meiner Meinung nach das wichtigste Kriterium kaum gesehen. Die Persönlichkeit eines Menschen. Das Testen von Attitude bei Assessments ist da wenig aussagekräftig. Bewerber bereiten sich auf Assessments vor. Sie lernen, worauf es ankommt und spielen eine Rolle. Mögen die Tests psychologisch noch so ausgeklügelt sein, der Prüfer bekommt das zu sehen oder nicht zusehen, was er erwartet. Ich behaupte, dass man Persönlichkeit nicht abtesten kann, sondern nur erleben. Bevor ich Ihnen meine Methode vorstelle, wie man in einem halben Tag durch Persönlichkeits-Surfing Menschen „entdecken“ kann (und die sich selbst), möchte ich im Folgenden ein Erlebnis von Persönlichkeit vorstellen.

Führungsakademie der Bundeswehr, Stabsoffizierslehrgang, mündliche Prüfung im Fach Sicherheitspolitik und Streitkräfte. Prüfer waren ein Dozent des Heeres und ich, Luftwaffenoffizier und Hörsaalleiter. Der Lehrgangsteilnehmer, ein Hauptmann des Heeres, meldete sich im Hörsaal mit seinen Vortragsunterlagen. Er hatte eine Stunde Zeit gehabt, sich ohne Rückgriff auf Lehrmaterial vorzubereiten. Das Thema, das er bekommen hatte, lautete: Der Kampfpanzer, immer noch die zentrale Waffe des Heeres. Zufälliger Beobachter der Prüfung war der Kommandeur der Führungsakademie, ein Zweisterne-General des Heeres (selber Panzeroffizier). Nach 30 Minuten war die Prüfung vorüber. Prüfling und Kommandeur verließen den Prüfungsraum und warteten auf dem Flur, während wir Prüfer die Leistung diskutierten, um sie zu benoten. Als 1. Prüfer nahm ich das Wort. Für mich war das eine glatte Eins, sagte ich. Mein Mitprüfer verzog unbehaglich das Gesicht. Der Prüfling hat nichts gebracht, was das vorgebende Lösungsfeld verlangt, warf er ein. Das mag sein, erwiderte ich, aber er hat etwas gezeigt, was ich für wichtiger halte, als das Abliefern von Erwartetem. Er hat seine Erfahrungen, die er in Afghanistan gemacht hat, nicht nur militärisch, sondern auch politisch bewertet und daran seine Kritik an dem althergebrachten Denken des Militärs festgemacht. Er hat eigenständiges ganzheitliches Denken gezeigt. Trotz der Anwesenheit des Kommandeurs, dessen Hintergrund als Panzeroffizier er kannte, hat er sich getraut, den Kampfpanzer als überflüssig zu bewerten. Damit hat er eine Benotung riskiert, die sein Ziel, in die Generalstabsausbildung zu kommen, gefährdet hätte. Das zeugt von Mut, Selbstbewusstsein und nicht zuletzt von Vertrauen auf die Persönlichkeiten seiner Lehrer. Er hatte sie in Vorträgen und Seminaren erlebt und verließ sich darauf, dass sie Querdenken über Angepasst sein stellen würden. Mein Mitprüfer blieb skeptisch und wollte seine Kritik in der Note reflektiert sehen. Er verstand meine Argumente und gab schließlich eine Zwei. Damit war die Prüfung mit 1,5 bestanden. Die Tür zur Generalstabsausbildung stand weit offen.

Das Beispiel zeigt, dass Persönlichkeit keine Kompetenz ist, die man trainieren und messen kann, sondern ein Qualitätsmerkmal des Menschseins. Was sie im Einzelnen auszeichnet und wie sie entsteht, darüber wurde und wird in den Wissenschaften reichlich geforscht und veröffentlicht. Welche Sichtweise die „Richtige“ ist, halte ich für unerheblich. Es reicht die Erkenntnis, dass sie im Zusammenleben und Zusammenarbeiten von Menschen das eigentlich Bestimmende ist. Sich der Persönlichkeit des anderen und der eigenen bewusst werden sollte meines Erachtens bei der Personalführung im Mittelpunkt stehen. Das würde nicht nur Haltung und das Ausbilden von Kompetenzen positiv beeinflussen, sondern eine Kultur der Achtsamkeit fördern, zum Wohl des Unternehmens und darüber hinaus der Gesellschaft überhaupt. Da stellt sich die Frage: Wie schafft man das, bei anderen und bei sich Persönlichkeit zu erkennen?

Die Antwort hat Friedrich Schiller gegeben, als er schrieb: Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Wir haben gespielt, mit angehenden Generalstabsoffizieren, mit Schülern und mit Managern. Die FAZ hat über so einen Event berichtet*. Während meiner Zeit als Philosophielehrer an einem Gymnasium habe ich eine Kurzform entwickelt. Einen halben Tag habe ich mit meinen Schülern über Themen des Alltags wie Sinn, Freiheit, Selbstbestimmtheit, Angst, Gemeinschaft u.a. philosophiert, diskutiert und reflektiert. Die Schüler haben diese Stunden geliebt. Lernen ohne Lernziele, jeder konnte sagen, was ihm in den Sinn kam, keine Prüfungen, keine Noten. Sie haben Zuhause mit ihren Eltern über Horaz sein Carpe Diem (Nutze den Tag) diskutiert. Das Lernverhalten in anderen Fächern änderte sich. Sie begannen, in Geschichte und in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft philosophisch zu denken und zu argumentieren. Ich bin überzeugt, dass dieser Weg auch in Unternehmen Früchte tragen würde. Personalentwicklung verstanden als das Surfen auf einer Welle von unendlichen Möglichkeiten, Persönlichkeiten zu entdecken, zusammenzubringen und weiterzuentwickeln.

 

 

*FAZ-Artikel zum Thema Spielen als Mittel zur Persönlichkeitsfindung

 

FAZ2

 

 

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