Corporate Identity: Liebe

Ein Team erklimmt die höchsten Berge, eine Gemeinschaft versetzt sie. – Von mir

 

Der chinesische Schriftsteller Meng Tzu schreibt: Stell Dir vor, Du siehst ein kleines Kind am Rande eines Brunnens. Wer wird nicht sofort zum Brunnen stürzen und das Kind zurückreißen? – Der Philosoph Hans Jonas gibt ein ähnliches Beispiel. Du siehst im oberen Stockwerk eines Hauses einen strampelnden Säugling auf dem Sims eines offenen Fenster liegen. Jonas sagt: Sieh hin- und Du weißt! Wer würde nicht sofort ins Haus stürzen, um den kleinen Menschen vom Fenster wegzuholen? – Der Philosoph der Moderne und der Taoist des 4. Jahr. vor Chr. kommen zu derselben Überzeugung. Ethisches Handeln in Form von spontanem Mitgefühl ist in jedem Menschen präsent. Es braucht kein Nachdenken, um so zu sein. Der Buddhismus führt diesen Gedanken weiter: In diesem spontanen Mitgefühl zeigt sich für einen kurzen Moment Ichlosigkeit. Der Mensch verhält sich liebevoll gegenüber dem Anderen, nicht weil er nachgedacht hat, sondern weil das Wesen von Menschsein Liebe ist.

Der chilenische Biologe und Philosoph Francesco Varela hat diese uralte buddhistische Weisheit aufgenommen und sie mit seinen naturwissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnissen zu einem schlüssigen Ganzen verknüpft. Er stellt fest, dass bis heute die moderne Wissenschaft es nicht vermocht hat nachzuweisen, wo sich im Gehirn das ICH, das Bewusstsein um seiner selbst, befindet. Varela benutzt einen systemtheoretischen Denkansatz und sagt: ICH, Selbstbewusstsein, ist eine Emergenz des WIR. Zur Erinnerung: Mit Emergenzen bezeichnet man Eigenschaften eines Systems, die nicht in den einzelnen Systemkomponenten enthalten sind, sondern erst durch ihr Interagieren entstehen (siehe auch La Ola Welle). Varela benutzt das Bild des Buddhismus und sagt: WIR ist ein System, das aus Liebe besteht. Systemkomponenten sind die durch Geburt materialisierten Menschen. Mit dem Durchtrennen der Nabelschnur tritt der kleine Mensch in Interaktion mit Anderen (Mutter, Vater, Geschwister u.a.). In der Sprechentwicklung lässt sich die Emergenzausprägung des ICH gut erkennen. Mit 2 ½ benennt sich das Kleinkind noch mit Vornamen. Mit 3 ½ unterscheidet es zwischen ICH und DU. Ein Selbst-Bewusstsein entwickelt sich, das im weiteren Leben durch unzählig viele Interaktionen weiter geformt wird. Wir formen uns immer gegenseitig, manchmal bewusst, meistens unbewusst. Ich möchte Varelas Gedanken für einen Moment weiterdenken, weisen sie für mich einen Weg zum Ursprünglichen der menschlichen Existenz und damit vielleicht zu einer besseren Welt, im Kleinen wie im Großen.

Die Trennung des ICH vom WIR, die wir zuerst einmal als ein physisches Phänomen wahrnehmen, wird durch unsere Kultur des Wettbewerbs, Messens und Vergleichens nachhaltig und nachteilig verstärkt. Das WIR reduziert sich im Zeitgeist der modernen Industriegesellschaft meistens nur noch auf Optimierungsmaßnahmen von Funktionsprozessen (Team Building usw). Dies widerspricht nicht nur dem universellen Wesen des Menschseins, sondern ist unklug und kurzsichtig, lassen wir doch die vielleicht größte Kraft in uns ungenutzt. Die Geschichte ist voller Beispiele, in denen Menschen über sich hinausgewachsen sind, wenn sie als Gemeinschaft im Sinne des universellen WIR agiert haben. Hier liegt meines Erachtens nach die Schlüssel-Verantwortung von Menschenführung, in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz und darüber hinaus: Das Zusammenwirken von Menschen so zu gestalten, dass das Wesen unseres WIR – Liebe – zur Maxime allen Denkens und Handelns wird.

Und jetzt werden Sie als Schulleiter, Firmenchef oder Manager vielleicht fragen: Wie geht das? – Hier muss ich Sie enttäuschen. Team-Building kann man sicherlich in Seminaren, Vorträgen und aus schlauen Büchern lernen, das Formen einer auf Liebe gebauten Gemeinschaft nicht. Die kann nur aus sich heraus entstehen. Sie als Verantwortliche können aber günstige Rahmenbedingungen schaffen und –   ganz wichtig – einfach liebevoll sein. Da Sie mit einem solchen Schritt Kulturveränderung angehen, sollten Sie Ihre Menschen mitwirken lassen. Es ist schließlich ihre Kultur, die entstehen soll. Wenn Sie zu einem solchen Prozess Anschiebe oder Moderation brauchen, melden Sie sich. Ich komme gern und helfe Ihnen dabei.