Das Verdun-Syndrom

Wenn die Strategie Menschen frisst …

 

Vielleicht erinnern Sie sich noch an Ihren Geschichtsunterricht, die Schlacht von Verdun. Die Strategie zur Niederwerfung Frankreichs war 1914 gescheitert. Der Schlieffen Plan des deutschen Generalstabs hatte vorgesehen, in einer großen Zangenbewegung durch die Niederlande und Belgien den französischen Armeen, die in einem gewaltigen Befestigungsbollwerk mit Front zum Rhein gegen einen deutschen Angriff in Stellung gegangen waren, in den Rücken zu fallen und sie zu vernichten. Der Angriffsschwung kam zum Erliegen. Es trat das ein, was man eigentlich verhindern wollte. Von Flandern in Belgien über den Norden Frankreichs bis an den Rhein lagen sich vier Jahre lang Millionen von Soldaten in einem blutigen Stellungskrieg gegenüber. Trotzdem die Generäle um die mörderische Wirkung von Maschinengewehren und schnell und weit schießender Artillerie wussten, haben sie vier Jahre lang Millionen von Soldaten Tag für Tag ins Feuer geschickt. Die Schlacht um Verdun gilt als Symbol für diesen Wahnsinn. Von Februar bis Dezember 1916 kämpften 800 000 deutsche und französische Soldaten um diese französische Festung. 380 000 sind dabei ums Leben gekommen. Der deutsche Generalstabschef von Falkenhayn hatte den Wahnsinn zur Strategie erklärt. Man wollte solange gegen die Festung anrennen, bis die Franzosen „weiß bluten“. Am Ende waren die Verluste auf beiden Seiten ungefähr gleich.

Das ist doch längst Geschichte, werden Sie denken. Wir haben unsere Lektionen gelernt. Krieg ist zumindest unter den Demokratien des Westens kein Mittel der Politik mehr. Warum sollen wir uns also noch mit Geschichte, insbesondere Kriegsgeschichte, beschäftigen? – Diese Ansicht ist weit verbreitet. Wenn man nicht gerade Geschichtslehrer werden will, gilt ein Studium der Geschichte als brotlose Kunst. Dabei könnten wir gerade aus der Kriegsgeschichte auch heute noch sehr viel lernen. Denn Krieg handelt nicht nur von den klassischen Militärthemen wie Strategie, Taktik und Waffentechnik, sondern bietet Einblick in ein menschliches Phänomen, das in seiner Brisanz kaum Beachtung findet, obwohl es vielleicht die Hauptursache ist für die Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen unserer Zeit. Man könnte es als das „Verdun-Syndrom“ bezeichnen. Regierungen und Vorstände von Wirtschaftsunternehmen verhalten sich ähnlich wie der deutsche Generalstab während des ersten Weltkrieges. Ihre Denk- und Hadnlungsmuster entspringen derselben Kultur, die in der Aufklärung ihren gemeinsamen Ursprung hatte. Ein signifikantes Merkmal ist die Trivialisierung der Erscheinungen in der wahrnehmbaren Welt. Man glaubt an die Berechenbarkeit von allem, Menschen genauso wie Materiellem. Sinn und Zweck allen Handelns ist Wachstum und Machterhaltung. Sie sind die wahren Ursachen des Verdun-Syndroms.

Das Denk- und Handlungsprinzip ist beim Militär, in der Politik und in der Wirtschaft dasselbe. Man nennt es Strategie. Ziele werden formuliert, die dann über bereitgestellte Mittel (Geld, Personal, Material) und einem Plan zu erreichen sind. Kommt es zu Störungen oder werden Ziele nicht planmäßig erreicht, wird nachgesteuert. Und irgendwann einmal kann die Situation entstehen, dass eine Strategie trotz aller Steuerungs- und Regelmaßnahmen nicht zur Zielerreichung führt. Da die Ziele auf den Zweck der Organisation/des Systems ausgerichtet sind, nämlich Wachstum bzw. Machterhaltung und der Plan als richtig empfunden wird – es sind ja Fachleute am Werk – dreht man am „Lautstärkeregler“ (Volumen-Control im Englischen, wie passend!). Man erhöht den Mitteleinsatz und macht so weiter wie bisher. Der Staat und die Unternehmen machen Schulden, für die am Ende der Steuerzahler herhalten muss. Das Militär wird noch mehr Soldaten und Material in die Schlacht schicken. Die Folgen solchen Denkens sind auf den Schlachtfeldern vor Verdun verblutet. Das Verdun Syndrom ist das Anrennen gegen die Betonmauer nutzlos gewordener Denkmuster in der Hoffnung, dass sie einfallen möge. Wenn wir an diesem Punkt angekommen sind, ist der einzig sinnvolle Weg der der Veränderung. Das heißt in Frage stellen, Sinn und Zweck des eigenen Tuns und nicht zuletzt das eigene Denken. Woran erkennt man, dass man an dieser Wegescheide angekommen ist? – Wenn die Strategie Menschen frisst! – Im Krieg ist das offensichtlich, in Wirtschaft und Politik schon längst auch. Burnouts, Insolvenzen, Drogenmissbrauch, soziale Not, Rassismus, Krieg und Migration sind alles Symptome, die auf das Verdun-Syndrom zurückzuführen sind. Nur, gelernt haben wir anscheinend nichts.

Zu der Ansicht könnte man kommen, wenn man die Corona-Politik der Bundesregierung in den letzten 9 Monaten verfolgt. Die einzige Antwort auf eine Statistik der steigenden Infektionszahlen sind sogenannte Lockdowns. Millionen von Menschen werden in die Isolation gezwungen. Kitas und Schulen werden geschlossen. Kinder und Jugendliche können keine Freundschaften mehr pflegen. Soziale Begegnungen – nach der Arbeit, in Freizeit und Sport, beim Feiern mit Freunden und Nachbarn – dürfen nicht mehr stattfinden. Viele Tausend Existenzen werden zerstört. Die menschliche Not hinter den Lockdowns kann man nicht messen und scheint kein Ende zu haben. Nur eines ändert sich nicht. Die Infektionszahlen. Jetzt wird der nächste Lockdown schon wieder angekündigt. Er soll noch radikaler sein. Indes, „der Feind“ bedroht uns weiter. Er führt frische Truppen ins Feld. Mutationen des Virus marschieren auf. Nur, mit dem alten Denken können wir nicht gewinnen. Ganz im Gegenteil. Es wird noch mehr Menschen-Opfer fordern, mehr als dieser Virus uns je kosten könnte. Ohne etwas verharmlosen zu wollen, aber „der Feind“ ist nicht dieser Virus. „Der Feind“ ist der „Lockdown“ in unserem Denken. Das lehrt uns die Geschichte. Wenn eine Strategie Menschen frisst, dann ist es Zeit, inne zu halten. Die deutschen Generale vor Verdun waren dazu unfähig und haben das Opfern zur Tugend erhoben. Wenn unsere Regierung das Inne-halten jetzt verweigert, dann zeigt das für mich, dass sie entweder einer versteckten Agenda folgt oder dass sie Opfer des „Verdun-Syndroms“ ist. Ich hoffe das Letztere, denn dann besteht Hoffnung.

 

 

 

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