Feiglinge – Markenzeichen unserer Gesellschaft

Menschenrechte des Lernens

 

 

Von morgens bis abends verfolgt uns auf Schritt und Tritt Werbung. Man will uns animieren zu konsumieren. Zentrale Botschaft fast jeder Werbung ist: Es bringt Freude und man ist “IN”, wenn man es hat oder tut. Wirtschaft, Politik, Sport, Kultur sogar die Bundeswehr, alle geben viel Geld aus, um die Menschen für ihr Produkt zu begeistern. Tragischer Weise ist der vielleicht wichtigste Bereich unserer Gesellschaft von diesen Bemühungen ausgeschlossen, die Schule. Anstatt Kinder zum Lernen wollen zu motivieren, werden sie quasi gezwungen. Es gibt eine Schulpflicht. Wenn man ihr nicht nachkommt, droht Strafe. Jugendliche, die die Schule chronisch schwänzen, werden sogar von der Polizei abgeholt und zur Schule gebracht. Wie viel Lernen ist möglich, wenn der Mensch nicht lernen will, und weiter gefragt, was kann man tun, damit Menschen lernen wollen? – Vielleicht sollten Lehrer neben ihrem Pädagogikstudium eine Ausbildung zum Animateur bekommen. Menschen lassen sich zum Konsumieren verführen, warum nicht auch zum Lernen?! – Genau das tut der chilenische Professor für Biologie und Philosoph Umberto Maturana.  Der hat einmal drei Grundrechte des Lernens formuliert. Sie sind unter dem Begriff  “Ästhetische Verführung” bekannt geworden. Gerade weil sie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, hat Maturana sogar gefordert, diese in die Liste der Menschenrechte aufzunehmen. Ich möchte Ihnen im Folgenden diese Rechte vorstellen, um einmal Sie zu sensibilisieren, was ihre Umsetzung für unser Bildungssystem bedeutet und zweitens, um auf die Tragweite hinzuweisen, die ihre Einführung bzw. nicht-Einführung für unsere Gesellschaft haben könnte.

 

Aesthetische Verführung

 

Stellen Sie sich vor, man würde sie in unserem Bildungssystem zu Grundrechten erklären. Undenkbar werden Sie sagen. Das Einhalten von Lehrplänen, Notengebung und Auswahlverfahren …wie soll das gehen? – Nun ist Maturana kein spinnerter Professor, sondern ein ernst zu nehmender Wissenschaftler. Seine Forschungen über das Hirn, wie es lernt, sind zumindest in der Theorie in der Pädagogik schon längst angekommen, leider aber noch nicht in der Schule. Dort wird vielerorts immer noch nach einer veralteten Lern-Philosophie unterrichtet, die im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Neurobiologie und Hirnforschung steht. Unser Gehirn ist eben nicht auf  Auswendiglernen optimiert, sondern auf Probleme lösen. Wissen wird nicht vermittelt, sondern durch den Lernenden konstruiert. Der Lehrer unterstützt den Lernenden beim Konstruieren, dem Verknüpfen von alten und neuen Informationen in ganzheitliche, nachvollziehbare und funktionierende Zusammenhänge. Wenn dieser Prozess in einer Atmosphäre des ästhetischen Verführens stattfindet, dann kann Lernen nicht nur gelingen, sondern wird auch nachhaltig sein. Man lernt fürs Leben. Die folgenden Kurz-Erklärungen  zu den drei Grundrechten machen das deutlich.

Jeder darf Fehler machen
Beim Verknüpfen ist Fehler machen eine Schlüsselquelle für Erfahrungen und daher ein wichtiger Wegweiser.  Wer keine Angst davor hat, Fehler zu machen, der traut sich, auch immer wieder neue Wege zu gehen. Damit erhöht sich die Anzahl der Möglichkeiten.

Jeder darf seine Meinung ändern
Lernen entsteht durch das fortwährende Hinzufügen von neuen Informationen. Das wiederum kann zu neuen Wissenskonstruktionen führen. Die alten los zu lassen und die neuen anzunehmen ist ein wichtiger Teil von Lernen. Wer sich nicht scheut, seine Meinung zu ändern, zeigt, dass er lernfähig ist.

Jeder kann gehen, wann er will
Der Lehrer unterstützt das Lernen, in dem er es fachlich und methodisch begleitet, vor allem aber, in dem er die Lernenden motiviert.  Ohne Freude und Lust ist Lernen nicht möglich.  Daher ist der 3. Satz in den Grundrechten des Lernens so wichtig. Wer bleibt, obwohl er gehen könnte, bleibt aus freien Stücken, will lernen.

Wenn Sie jetzt der Meinung sind, dass sei alles akademisch und theoretisch, dann möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Krisen, Katastrophen und Kriege der Neuzeit richten. Vielleicht wären sie nicht passiert oder glimpflicher abgelaufen, wenn die Menschen in unseren Führungsetagen in einer Kultur der ästhetischen Verführung aufgewachsen wären. Ein Artikel in der ZEIT hat es seiner Zeit auf den Punkt gebracht. Der Titel lautete: „Wir waren zu feige!“ Bestimmt gab es Politiker, Vorstandsmitglieder, Banker, Militärs, Experten und Journalisten, die das, was beschlossen worden war, als nicht gut ja sogar als unethisch empfanden. Aus Angst, einen Fehler zu machen oder dumm auszusehen, weil sie ihre Meinung geändert hatten, haben sie nichts gesagt. Sie hätten etwas ändern können, wenn sie aufgestanden und gegangen wären. Aber das wäre Karriere schädlich gewesen. Also haben sie es nicht getan. – Vielleicht sollten wir tatsächlich Maturanas Menschenrechte des Lernens in unserem Bildungssystem einführen. Wenn wir es nämlich nicht tun, ist zu befürchten, dass wir auch weiterhin Feiglinge heranziehen werden.

 

 

 

 

 

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