Das Glühwürmchen

Es flüstert Dir zu: Ändere Dich

 

 

Gestern Abend saßen meine Frau und ich im Garten bei Kerzenlicht und genossen den Mondaufgang. Die Kinder waren im Bett, und wir hatten endlich Zeit für uns und ein besinnliches Gespräch, wie es uns an lauen Sommerabenden zur lieben Gewohnheit geworden war. Da, Ein Glühwürmchen! Meine Frau zeigte in Richtung Mirabelle.  Tatsächlich. Ich hatte seit Jahren kein Glühwürmchen mehr gesehen und fand den kleinen blaugrün schimmernden Lichtpunkt faszinierend, wie er aus den Ästen herunter schwebte, sich auf uns zubewegte, um dann in Richtung Gartenteich abzudrehen. Mit einem Mal war er weg. Und wie ich immer noch gebannt die Dunkelheit mit den Augen absuchte, um das kleine Licht vielleicht wieder zu entdecken, hatte ich auf einmal einen Flashback.

Ich hatte vor Jahren einmal ein Gedicht über ein Glühwürmchen geschrieben. Es war eine sehr emotionale Zeit gewesen. Meine damalige Frau war mit unserem kleinen Sohn ohne Vorwarnung aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und mein Traum eines Neuanfangs – ich war schon einmal Langzeit-Ehemann gewesen – war zerplatzt. Wie das alles gekommen war, ist eine lange Geschichte. Sie hier zu erzählen, würde ein Buch füllen. Ich möchte Ihnen die letzte Seite in diesem Buch vorstellen.

An einem der ersten Abende allein saß ich bei Kerzenlicht am Kamin und hatte das Bedürfnis aufzuschreiben, was mich bewegte. Ich erinnerte mich an meine Schulzeit. Als ich das erste Mal so richtig verliebt war, hatte ich meinem damaligen Traummädchen immer wieder kleine Briefchen mit Versen geschrieben. Es war mir ganz leichtgefallen. Wallende Gefühle schienen bei mir ein poetisches Talent zu wecken. Mir war danach, es wieder zu versuchen. Ich habe den PC ausgeschaltet und über ein Glas Rotwein oder auch zwei meinen Gefühlen mit einem Bleistift auf einem Schreibblock freien Lauf gelassen. Es war ganz leicht.

Ich erzählte meiner Frau von meinem Flashback, und da ich ihr das Gedicht unbedingt zeigen wollte, habe ich in meinen Dokumenten-Speichern danach gesucht und es auch gefunden. Hier ist es:

Das Glühwürmchen

Am Weiher gekuschelt vom Waldesrand
Die Ewigkeit Zeuge im Sternenband
Von der göttlichen Stille wie betrunken
Ein Menschlein ganz einsam in sich versunken
Voller Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Licht,
Wartet auf eine Stimme, die zu ihm spricht.
Und dann auf einmal im magischen Reigen,
Ein Glühwürmchen, lautlos durchbricht es das Schweigen,
Wie vom Schicksal geführt tanzt es auf und nieder
Unser Menschlein verzückt, das Leben hat ihn wieder
Folgt es dem Lichtlein in die dunkle Nacht
Es gibt ihm Hoffnung, hat über ihn Macht
Und dann ist der Zauber mit einem Male vorbei
Der Weiher, die Stille, man hört einen Schrei
Glaube und Hoffnung, auf nichts ist Verlass
Und das, was bleibt, ist einfach nur nass
Es funkeln die Sterne noch immer überm Wald
Das Glühwürmchen ist verloschen, dem Menschlein ist kalt

 

Meine Frau als angehende Philosophin hatte natürlich sofort die “richtigen“ Deutungen zur Hand, die mich an Gedichtinterpretationen im Deutsch-Unterricht erinnerten. Was will der Dichter uns sagen? In diesem Fall war es eigentlich ganz einfach. Ich war ja der Dichter. Meine Frau kennt mich und wusste von meiner damaligen Lebenssituation. Ihr Philosophieren spiegelte Mit-Leiden und damit mein Selbstmitleid, was ich damals empfand. Mir gefiel diese Interpretation nicht. Ich las mein Gedicht noch einige Male. Mir war nicht mehr wichtig, was der Dichter von damals sagen wollte. Ich wollte wissen, was das Gedicht mir heute sagt. Getreu der Erkenntnis, dass alles Denken Vergleichen ist, ließ ich die Zeit von damals bis heute Revue passieren und dachte und fühlte mich hinein. Mein Gedicht bekam eine völlig neue Bedeutung.

Mir sind 5 Worte aufgefallen, die ich im Original nicht mit einer tieferen Absicht formuliert hatte. Ewigkeit, Leben, Liebe, Wärme und Geborgenheit. Ich glaubte ganz lange, diese urmenschlichen Sehnsüchte im Außen zu finden. In der Sprache des Zeitgeistes würden wir sagen: Jugendlichkeit, Sex, Familie und die Befriedigung von materiellen Bedürfnissen. Durch meine Lebenskatastrophe hatte ich gelernt: Wenn man Ihnen nachjagt, sind sie oft nur Erscheinungen, die plötzlich verlöschen, wie der kalte Lichtpunkt eines Glühwürmchens. Was bleibt, sind Nässe und Kälte des Selbstmitleids. Ich verstand den neuen Sinn in meinem Gedicht in der Aufforderung an mich: Ändere Dich! – Das habe ich dann getan. Da war nie ein großer Plan dahinter. Ich habe das gemacht, wonach mir war. Ich hörte auf, Glühwürmchen nachzulaufen und fing an, Philosophie zu lesen, Kinder zu unterrichten und die Musik meiner Jugend wieder zu hören.

In Zitaten und Büchern von Philosophen habe ich viele Male mich und mein Leben wiedergefunden und manchmal auch verstanden. Hier ist eines meiner Lieblingszitate. Es ist von Ludwig Wittgenstein:  Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Leben ohne Zeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.

Nach Ausscheiden aus der Bundeswehr hatte ich mich als Vertretungslehrer beworben. Obwohl ich keine universitären Scheine für die Lehrertätigkeit besitze, wurde ich angenommen. Seitdem unterrichte ich an Gymnasien in Schleswig-Holstein und Hamburg und erlebe jeden Tag eine der schönsten Berufszufriedenheiten: Im Leben von Kindern wichtig sein.

Das schönste Geschenk bekam ich über meine Musik. Über Songs und Texte von David Bowie hat meine jetzige Frau zu mir gefunden. Für uns ist Bowie einer der größten Rock-Sänger Philosophen der Neuzeit. Seine Texte beklagen nicht so sehr das Außen, sondern spiegeln vielmehr Gefühle, Ängste und Sehnsucht, die in jedem von uns sind.  Ein anderer großer philosophischer Popsänger, Bob Dylan, hat in einem seiner schönsten Lieder „meine Innerlichkeiten“ – Philosophie, Kinder und Musik – zu einer Botschaft komponiert. Sie kennen den Song. Er heißt „Forever young“ und wurde immer wieder auch von anderen Musikern gecovert.

Ich möchte damit den Abend mit Glühwürmchen in unserem Garten beschließen, und sollten Sie mal eines in ihrem Garten entdecken, es könnte sein, dass es eine Botschaft ist, die da heißt: Ändere ich!