Der erste Schritt zum Erwachsensein

Drangehen, wenn ein Spielzeugtelefon klingelt

 

 

Auf Facebook wird täglich sehr viel Triviales eingestellt. Manchmal ist aber auch eine „Perle“ dabei, so wie letztens. Auf einem Foto, das ein US-amerikanisches Straßenbild zeigt, stand auf einem Reklameschild am Straßenrand Folgendes geschrieben: „No matter how big and bad you are, when a two-year-old hands you a toy phone, you answer it.” (Egal wie groß oder wie finster du bist, wenn Dir ein Zweijähriger sein Spielzeugtelefon hinhält, dann gehst Du dran.) Es gibt, denke ich, kaum jemand, der bei der Vorstellung einer solchen Situation nicht gerührt wäre. Ein großer, finster dreinschauender Mensch wird mit einem Mal weich, lächelt vielleicht sogar und reagiert auf einen kleinen Menschen, der noch nicht mal richtig sprechen kann. Würde er mit dem Kleinen reden? Würden Sie es tun? – Wer würde den Hörer ans Ohr halten und ein imaginäres Gespräch führen? Was würden Sie sagen? – Hallo? Ach, sie sind die Oma. – Es ist Deine Oma. Sie will morgen zu Besuch kommen und möchte wissen, was sie ihrem Enkel mitbringen soll.  Was soll Deine Oma Dir mitbringen, vielleicht ein Auto oder lieber einen Bagger? – Auto! – Magst Du lieber einen Laster oder lieber ein Polizeiauto? – An dieser Stelle möchte ich meine kleine fiktive Geschichte abbrechen. Mir ist nicht daran gelegen, Sie zu belehren, wie man mit kleinen Kindern umgeht. Ganz im Gegenteil. Ich meine, dass wir aufhören sollten, mit anderen Menschen „umgehen“ zu wollen. Dahinter steht der Irr-Glaube, dass wir beim „richtigen“ Umgang mit dem anderen diesen in unserem Sinne verändern könnten.  Dass das nicht funktioniert, beweisen die Konflikte, die wir täglich erleben oder von denen wir in den Medien erfahren. Es gibt keinen „richtigen“ Umgang, mit Kindern, Partnern, Schülern, Angestellten, Vorgesetzten, und schon gar nicht mit Diktatoren oder Terroristen. Was ist denn dann die Alternative, werden sie jetzt fragen. Im Folgenden möchte ich Ihnen zwei anbieten. Sie sind für mich Schritte zum Erwachsensein. Der erste ist uns angeboren, der zweite ist eine Sache der Intelligenz.  Ihre Sinnhaftigkeit möchte ich im Folgenden deutlich machen.

Am Anfang steht eine Fähigkeit, die alle Menschen von Geburt an besitzen und von der so wenig Gebrauch gemacht wird. Empathie, die Fähigkeit, sich in Gefühle und Gedanken eines anderen hineinzuversetzen. Der amerikanische Psychologe Daniel Goldberg schreibt in seinem Buch „Emotionale Intelligenz“, dass schon kleine Kinder, die noch nicht sprechen können, diese Fähigkeit auf der Gefühlsebene besitzen. Vielleicht kennen Sie die Situation. Eine Mutter ist mit ihrem einjährigen im Supermarkt beim Einkauf, als ein paar Gänge weiter außerhalb Sichtweite das Weinen eines anderen Kindes zu hören ist. Das Gesicht ihres Kindes zeigt Reaktion. Es macht ein „Schüppchen“, und wenig später fängt es auch an zu weinen. In unserem Beispiel mit dem Telefon ist diese Fähigkeit schon ausgeprägter. Der zweijährige hat gelernt, dass ein Telefon Erwachsenen etwas bedeutet. Er kommuniziert (lat. communicare = sich mitteilen) empathisch, in dem er sein Telefon anbietet. Er möchte das haben, was wir uns alle wünschen. Aufmerksamkeit und Zuwendung. Wenn der Erwachsene, wie beschrieben, auf die Kommunikation eingeht, lernt das Kind, dass Empathie funktioniert. Leider wird diese Erfahrung nach wenigen Jahren konterkariert. Sie geht verschütt, wie es im Volksmund heißt. Es beginnt meiner Erfahrung nach mit dem Eintritt in das Schulleben.

Aufmerksamkeit und Zuwendung werden immer mehr an Leistung und Angepasst-sein gekoppelt. In den ersten Jahren haben Kinder noch „Welpenschutz“. Mit Beginn der Pubertät ändert sich das. Und sie kommunizieren permanent, nur nicht mehr mit einem Spielzeugtelefon. Sie stören den Unterricht, vergessen ihre Hausaufgaben, sind auf Klassenarbeiten nicht vorbereitet, kommen zu spät, geben Widerworte, zerstören die Sachen ihres Nachbarn und sogar Einrichtungen der Schule. Sie mobben und werden sogar gewalttätig gegenüber Mitschülern. Was sie eigentlich kommunizieren, ist ihre Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Zuwendung. Sie bekommen das Gegenteil. Obwohl die Ursachen gesehen werden, reagiert die Schule immer wieder mit ihren Machtinstrumenten. Eintrag ins Klassenbuch, Strafarbeiten, Nachsitzen, Suspendierung vom Unterricht, schlechte Noten und am Ende Erteilung eines Schulabschlusses, in dem de facto Unfähigkeit attestiert wird.

Ohne Zweifel schaffen die meisten Jugendlichen passable bis sehr gute Schulabschlüsse. Bleibt die Frage, was sie fürs Leben gelernt haben. Das Karriereverhalten später im Beruf legt eine Antwort nahe:  Wenn Du leistest und angepasst bist, bekommst Du Aufmerksamkeit und Zuwendung. Die für mich schlimmste Ausprägung dieser Kultur ist der Mangel an Empathie. Ich habe sie immer wieder während meiner Arbeit als Vertretungslehrer erlebt. In denke, dass es in der Wirtschaft nicht viel nicht anders ist. Erzählungen aus dem Bekanntenkreis und nicht zuletzt die immer wiederkehrenden Skandal-Nachrichten in den Medien machen mich sicher. Die für mich schlimmste Auswirkung dieses Mangels ist Krieg. Historiker argumentieren, dass die meisten Kriege aus Mangel an Empathie ausgebrochen sind. Da man diese Kultur der Empathielosigkeit nicht über Nacht ändern kann, bleibt uns nur noch unsere Intelligenz, womit ich abschließend zum zweiten Schritt des Erwachsenseins komme. Er beruht auf Erkenntnissen, die uns die Wissenschaften an die Hand geben.

Hirnforschung und Systemtheorie kommen zu demselben Schluss, dass jeder Mensch wegen seiner Herkunft und Sozialisation seine eigene Sichtweise auf die Umwelt, auf Menschen und auf Ereignisse hat. Keine ist richtiger als die andere, einfach nur anders. Wenn man bereit ist, die Sichtweise des anderen zu berücksichtigen, dann wären wir bei Empathie. Neu ist, die eigene Sichtweise in Frage zu stellen. In ihrem Buch „Baum der Erkenntnis“ kommen die Neuro-Biologen Maturana und Varela zu der Erkenntnis, dass die Welt der Beziehungen immer eine Co-Produktion zwischen einem selbst und dem anderen ist. Das kann nur eines bedeuten.

Wenn wir wollen, dass es gut wird – für mich, meinen Schülern, meinem Partner, meinen Angestellten, meinem Chef und nicht zuletzt für den ausgemachten Feind, dann muss ich auch bereit sein, mich selbst in Frage zu stellen. Das wäre der zweite Schritt zum Erwachsensein. Er ist der schwerste. Wer will schon einsehen, dass seine Wahrnehmung eine Falsch-Nehmung ist?!

 

 

 

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