Von Kindern und Kanarienvögel

Kinder begehen Selbstmord, weil sie keinen Sinn im Leben finden

 

 

ATTAWAPISKAT, Ont. — Am Ufer des Flusses, der durch Attawapiskat fließt, nahm sich die dreizehnjährige Sheridan Hookimaw das Leben. Ihr Selbstmord entfachte eine Krise, die die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf ihre kleine Indianergemeinde gerichtet hat. Seit ihrer Tat sollen bis zu 100 andere in Attawapiskat, einer Gemeinde von 2100 Menschen, versucht haben, sich umzubringen, was eine Panik unter den Anführern der „First Nations“ ausgelöst hat. Erst kürzlich hatten sie in einem verzweifelten Ruf nach Hilfe den Notstand erklärt. Sheridan´s große Schwester, Rebecca (16) kennt die Hintergründe, warum ihre Altersgenossen sich umbringen wollen. Die meisten kommen aus zerbrochenen Familien, die in überfüllten und unzumutbaren Unterkünften hausen und in denen Drogen- und Alkoholsucht verheerenden Schaden anrichten. Bis zu dem Frühjahr des letzten Jahres, in dem ihre Schwester einen Weg gefunden hatte, sich selbst umzubringen, hatte auch sie schon mehrere Selbstmordversuche hinter sich. Gerade vor einigen Tagen wurde wieder ein Teenager aus Attawapiskat mit Schnittwunden am Hals ausgeflogen. Einen Tag vorher war die Bundesministerin für Angelegenheiten der „First Nations“ Carolyn Bennett eingeflogen, um mit den Häuptlingen über die latente Krise zu reden.- *

Die Selbstmorde von jungen Leuten in den Gemeinschaften der „First Nations“ haben in der Öffentlichkeit und bei verantwortlichen Politikern die Alarmglocken klingeln lassen. Sehr schnell hatte man die Ursachen für die Krise ausgemacht. Unzumutbare Wohnbedingungen, schlechtes Mittelmanagement und fehlende Sozialprogramme. Eine solche Ursachenfestlegung ist äußerst bequem. Sie macht die abstellenden Maßnahmen leicht. Man braucht nur die Wohnbedingungen verbessern, ein professionelles Mittelmanagement etablieren und die richtigen Sozialprogramme auflegen. Unglücklicherweise treffen sie nicht den Kern des Pudels. Wenn junge Menschen in einer solchen Häufigkeit Selbstmord begehen stimmt etwas nicht mit der Gesellschaft. Menschen bringen sich nicht wegen schlechter Wohnverhältnisse, mangelndem Geld und fehlender Sozialprogramme um. Menschen bringen sich um, wenn sie keinen Sinn mehr im Leben finden. Die folgende kleine Geschichte des österreichischen Arztes und Psychologen Victor E. Frankl erklärt es.

Es war Anfang März 1945 in einem deutschen Konzentrationslager. Ein Mitgefangener erzählte Frankl, dass ihm geträumt hatte, dass Ende März der Krieg zu Ende sei und sie alle gerettet werden würden. Es kam der 29. März und es war immer noch Krieg. Der Mann wurde krank. Er bekam Gelbfieber. Am 30. März verlor er das Bewusstsein, und am 31. März starb er. Als sein Traum sich nicht bewahrheitete, verlor er seinen Sinn zu leben. Nicht Hunger, Furcht oder Lebensumstände hatten ihn umgebracht, sondern Sinnlosigkeit. **

Die Kinder der kanadischen „First Nations“ bringen sich um, weil sie keinen Sinn in ihrem Leben finden. – Jetzt werden Sie vielleicht fragen, was das mit uns zu tun hat. Wir haben keine Indianer, die schlecht behandelt wurden. Das mag sein. Aber wir haben Kinder, die dieselben Symptome zeigen, wie die der kanadischen „First Nations“. – Alkohol und Drogen-Missbrauch, Fettleibigkeit und Suizide. – Selbstmord ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland die zweithäufigste Todesursache. Ich meine, dass jeder einzelne einer zu viel ist. Wenn wir die Sorge um unsere Kinder ernst nehmen, sollten wir Victor Frankl ernst nehmen und die Sinnfrage stellen, nicht nur für unsere Kinder, sondern vor Allem uns selbst, als einzelner und als Gesellschaft. Im Folgenden ist ein Denkanstoß dazu.

Unsere Kinder und Jugendlichen lernen von ihren Eltern, in der Schule und später im Berufsleben, dass es allein darauf ankommt zu leisten, das heißt zu funktionieren. Je besser man funktioniert, desto mehr Geld verdient man und desto mehr kann man sich leisten. Unser System lebt von Wachstum. Deswegen müssen wir konsumieren. Es werden jährlich Milliarden von Euro ausgegeben, um gerade Jugendlichen teure Konsummgüter als die „Glücklich-Macher“ anzupreisen. Der Wunsch, noch mehr haben wollen, wird zur Sucht. Wie bei jeder Droge ist das Glücksgefühl, das sich beim Konsumieren einstellt, aber nur von kurzer Dauer. Wenn dann das soziale Umfeld (Elternhaus, Freunde, soziale Gruppe) ähnlich tickt und Schule als ein Ort des Zwangs und der Langeweile erlebt wird (das soll ja vorkommen), macht sich Frustration breit. Flucht in die Cyberwelt ist “in”. Andere fressen den Frust in sich hinein (im wahrsten Sinne des Wortes). Man ersäuft ihn oder vernebelt ihn mit Hilfe von Drogen. Unsere Kinder werden Internet abhängig, fettleibig, Alkohol und Drogen-süchtig, chronisch krank und depressiv oder bringen sich sogar um, weil Funktionieren und Konsumieren nicht ausreichen, um glücklich zu sein. Das Leiden junger Menschen an Sinnlosigkeit hat inzwischen noch aggressivere Formen angenommen. Sie laufen an Schulen Amok und lassen sich als Selbstmordattentäter anheuern. Eine „mildere“ Form erleben wir an Wochenenden in den Fußballstadien, wenn Horden von jungen Leuten, auch Fans genannt, sich gegenseitig das Hirn herausprügeln wollen.

Aber vielleicht haben diese Sinnlosigkeiten doch einen Sinn.

Im 19. Jahrhundert haben Bergleute Kanarienvögel mit Untertage genommen. Sie waren für die Menschen Warnsysteme. Wenn ein Kanarienvogel ohnmächtig oder tot von der Stange fiel, war das ein sicheres Anzeichen dafür, dass die Umgebungsluft vergiftet war. Höchste Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen. Vielleicht sind unsere Kinder unsere Kanarienvögel. Sie wollen uns warnen.

 

*   Huffington Post Article  Attawapiskat Suicide Crisis 
**  Victor Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn